Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 183
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i S 3

Sache wird durch den Gegensatz noch einleuchtender. Die
so oft mit dem Horns verwechselte Vorstellung des noch
in der Kindheit befindlichen, schwachfüßigcn Harpocrates
ist anerkannt der Sonnengott im Wintcrsolstiz. Wie wird
nun seine bis zur Kindheit herabgeschwundene Schwache
angedeutet? Durch eine einzig ihm auf der rechten Seite
übrig gebliebene Haarlocke. *) Bald aber werden die-
sen von der Isis gesaugten Kindern die Haare wachsen,
bald auch der Bart sprossen. Die Sonne kommt täglich
höher und kräftiger. Endlich steht sie in der Sommer-
wende am höchsten. Da deckt sein Haupthaar die heilige
Haube. Aber seine volle Mannskraft wird nun durch den
angesetzten Bart dargcstellt.

Der Bart wurde mit eigenen Riemen oder Bändern
befestigt und umgcbunden, wie dicß an der Statue im
Pio - Clementinischcn Museum noch zu sehen ist. Die
Sache wird durch die Vergleichung mit kleineren Idolen

*) Diese einzelne Haarlocke an den kindlichen Harpocratesköpfen
ist schon von Winckelmann zu den ^lonunrenri antichi inediti
p. ioi f. so gelehrt erläutert worden, daß spätere Zusätze kaum
nöthig sind. Als Musterbild können die Stoschlschcn Gemmen in
Schlichtegrolls Werke N. VI. dienen, wo der Herausgeber viel
Belege aus Caplus Recucil anführt. Bekanntlich harpocratisirte man
auch KindcrportraitS in geschnittenen Steinen und in kleinen Bronzen
(man denke an dieHarpocratcssiguren aus dem MuseoBorgia) durch
diese einzelne Locke. Dahin gehört das Kind auf der Stvschischen
Gemme, die Winckelmann abbildcte in den Monumenü N. 77., wie •
aus der ihm umhängcnden römischen Amulet-Bulle erhellet; dahin
die lockige rechte Seite bei zwei Knaben auf einem alten Glase in
Bnonarotti Osservazioni sopra alcuni frammenti di vetro, tab.

Xxvr., wo der gelehrte Erklärer p. 177. das merkwürdige Beispiel
aus Ammia» Marcellinus «»führt xxn, n., wo ein christlicher Zelot
in Alexandria den Jünglingen diese Harpocrates-Locke abschneidet
cirros puerorum licentiu3 detondebat, wo Lindenbcrg gar ÜN die

klerikalischc Tonsur denkt!
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