Andreae, Bernard  
Motivgeschichtliche Untersuchungen zu den römischen Schlachtsarkophagen — Berlin, 1956

Seite: 64
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weitergeführt, kreisen zwei rechtsläufige Spiralen umeinander, die von der links-
läufigen, im Gewand sich ausdrückenden eingeschlossen werden. Das ist gut hel-
lenistisch232. Der Eindruck einer früheren Stufe der Raumdarstellung wird haupt-
sächlich durch die flächenhafte Gestaltung des Leibes der Mainade hervorgerufen.
Das fällt aber dem Unvermögen des campanischen Wandmalers zur Last, da der
Unterkörper stärker in die Fläche gerückt zu sein scheint als der Oberkörper, was
bei der Bewegung der Figur unmöglich ist.

Nachdem nun die Gründe dafür dargelegt sind, daß das Schema der Haupt-
gruppe hellenistisch ist, sei noch einiges über das Bild im ganzen gesagt. Den
Gewandstil hatte schon Rodenwaldt233 mit dem des Pergamonaltars verglichen.
Schweiber234 grenzte ihn zeitlich nach unten hin ab: „Stilistisch nächst verwandt
mit der hauchzarten, duftigen Behandlung der durchscheinenden, fließenden Ge-
wänder, mit der sinnlichen Glätte der Körper und dem Rokoko-Pathos des Bil-
des sind wenig beachtete Friesfragmente einer Gigantomachie aus dem Theater
in Korinth23"', die nur dem späten Hellenismus angehören können."

Räumliche Behandlung des Gruppenschemas und Gewandstil stammen aus dem
jüngeren Hellenismus; wie ist es aber mit der Gesamtkomposition? Ist sie eine
Erfindung des Ausführenden, der eine Vorlage im Sinn einer späteren Stufe der
Raumdarstellung umformte, oder ist das pompejanische Gemälde eine mehr oder
weniger treue Kopie eines hellenistischen Vorbildes? Zunächst ist die Frage zu
beantworten, ob die Komposition in sich geschlossen ist. Man sollte das nach der
Untersuchung von L. Curtius236 nicht mehr bezweifeln; denn danach zeigt sich
die Einheit der Komposition in klar erkennbaren und nicht fortzudeutenden
geometrischen Linien und einfachen Proportionen. Zu fragen bleibt nur, ob nicht
den in der Fläche erscheinenden Linien Absichten der räumlichen Gestaltung zu-
grundeliegen; darauf kommen wir unten zurück. Soviel ist jedenfalls klar: Die
Komposition des Bildes, die wegen der Herkunft von dem Euripideischen Pen-
theusdrama237 mit fünf Figuren rechnet, ist in sich konsequent. Im Verhältnis dazu
ist aber die Ausführung mit den flüchtigen, undeutlichen, ausdrucksschwachen
Formen und Konturen zu mäßig, als daß man dem Ausführenden eine solche
Komposition zutrauen möchte. Man beachte nur den formlosen rechten Arm der
rechten Mainade, die unartikulierte Brust des Pentheus und den vollends un-
organisch dargestellten Leib der linken Mainade. Auch die oben S. 62 f. beschrie-
benen räumlichen Verhältnisse, die untrennbar mit dem eigentümlichen Bildauf-
bau zusammengehören, sind mehr aus Andeutungen zu erschließen als klar im
Bilde dargestellt. Zudem ist das Bild in römischer Zeit in Italien gemalt worden,
und doch fehlen Züge, die man als eigentümlich römisch bezeichnen könnte238.
„Zentrale Komposition, kurvenförmiger Raumaufschluß, Öffnung des Bildrau-
mes nach der Tiefe auf seinen Flügeln und Nachvornschieben der zentralen Mo-
tive, medaillonförmige Komposition."

Damit sind wir bei der Frage nach der Darstellung des Raumes in dem Pen-
theusbild angelangt. L. Curtius239 hat in der Fläche ein System zweier sich kreu-
zender Scharen von parallelen Diagonalen festgestellt. Diesen entsprechen Raum-
diagonalen, die für einen Aufschluß des Raumes im hellenistischen Sinne sorgen.
Im Grundriß kreuzen sich zwei, die eine vom linken Fuß der rechten Mainade
durch das aufgestörte Knie des Pentheus zum zurückgesehen Fuß der linken

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