Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 213
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Viel reichhaltiger ist das Vergleichsmaterial
unter den Bauten der Inseln. Man darf da den
Kreis weiterziehen und nicht nur die Gegenden
ins Auge fassen, die durch alte Zusammenhänge
mit Indien in Verbindung stehen. Bekennt man
sich einmal zu der Ansicht, daß die gleichen,
durch das Klima und die Lebensweise gestell-
ten Forderungen bei gleichem Baumaterial ähn-
liche Formen hervorbringen mußten, so kom-
men eigentlich alle Länder, in denen die Grund-
bedingungen dieselben sind, in Frage. Der Rund-
häuser auf den Nikobaren gedachte ich schon.
Auch für das Rechteckhaus finden sich dort
Analogien und weiter über den Archipel in In-
donesien hinaus auf Neu-Guinea (Banks-Inseln)
und den Neuen Hebriden.

Das Rechteckhaus der Nikobaren (Taf. 44 e)1)
hat die geschwungene Giebellinie der indischen
Bauten. Es ist ein Pfahlbau, dessen bogenförmi-
ges Dach durch eine Anzahl längs gerichteter
pfettenartiger Hölzer getragen wird. Die Ver-
bindung mit dem Pfahlgerüst erreicht man mit
Hilfe einer stärkeren Pfette, die am Oberteil
eines Pfostens befestigt ist, der auf der unteren
Pfahlkonstruktion aufsitzt. Diese stärkere Pfette
liegt im übrigen in der Reihe der anderen pfet-
tenartigen Hölzer. Der Fußboden wird durch
eine Anzahl Balken gebildet, die senkrecht zur
Längsrichtung des Baues liegen und eine weitere
Reihe in der Achsenrichtung liegender Hölzer,
die wiederum den eigentlichen Fußboden tra-
gen. Die Betonung einer Pfette als besonders
tragendes Konstruktionsglied gibt es auch bei
anderen primitiven Bauten. Auf den Banks-
inseln, den Neuen Hebriden (Taf. 44 e) wird
diese Pfette durch einen Stützpfosten außerhalb
des Giebels getragen. Auch hier findet man eine
Art Verandabildung im Giebel, wie sie die
Todahütten in Indien aufweisen.

Es soll noch eine Bauart aus dem Irak erwähnt
werden, deren reine Tonnenform der indischen
Hallenidee besonders nahe kommt. Diese von
Langenegger2) in seinem Buche über die Bau-
kunst des Irak erwähnten Tonnenbauten der
Meidanaraber werden von ihm folgendermaßen

Stämmen des Nilgirigebirges verwendet; z. B. den Ba-
daga, wenn auch in anderer Weise. Abb. von Todahüt-
ten s. C. Uhde, Die Konstruktionen und Kunstformen
in der Architektur 1902; La Roche, Indische Baukunst
1920/22; Thurston, Castes and Tribes of southern India;
Globus Nr. 43, S. 369.

*) Weitere Abb. bei Kloß, In the Andamans and Nico-
bars, S. 44, 50

2) Siehe Langenegger, Baukunst des Irak, S. 47/48.

beschrieben (jetzt auch: E. Heinrich, Schilf-
und Lehmbau):

„Die übermannshohen, zähen Schilfstengel wer-
den zu starken Bündeln von 30 bis 50 cm Durch-
messer und mehreren Metern Länge zusammen-
gefaßt und durch Umwindung quer zur Stengel-
richtung an zahlreichen Stellen zusammengehal-
ten. Diese Bündel bilden die Konstruktionsträ-
ger. Sie werden je zwei einander gegenüber in
den Boden eingegraben, sodann gegeneinander
gebogen und zur Halbkreisform miteinander be-
festigt. Ihr Längsabstand untereinander beträgt
etwa 1 m und mehr. Die Spannweite dieser
Schilfbögen kann bis 5, ja bis 7 m betragen. Die
Bogenstellungen werden unter sich gleichfalls
mit Schilfbündeln versteift, sodann werden
Rohrmatten darüber gebreitet u. s. f." (Abb. 7).

Abb. 7. Gastsrefe der Maidanaraber

In Gegenden, wo Palmen wachsen, werden deren
Blattrippen für die gebogenen Sparren des mat-
tendeckten Tonnendaches der Sereife verwen-
det. Die Bogensparren können unmittelbar in
den Bogen eingelassen sein, oder sie stehen über
einem rechteckigen Unterbau von Lehm. Das
Breitenmaß einer großen Versammlungshalle
entspricht ungefähr der Breite des Mittelschiffs
der Höhlenkirchen und wird trotzdem ohne
Zimmermannstechnik durchweg in biegsamem
Material ausgeführt, sogar die geradlinige Längs-
verbindung zwischen den einzelnen Bögen. Die
Verstärkung der Bogensparren zu Bündeln ist
bei den kleinen Hütten nicht nötig, und man
stellt das Gerüst in der Art der Todahütten auf.
Hier interessiert uns die prinzipielle Lösung der
Frage, wie die bogenförmige Überspannung eines
Raumes von der Größe der Karligrotten mit
primitiven Mitteln konstruktiv gelöst werden
kann.

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