Falkenhausen, Susanne von  
KugelbauVisionen: Kulturgeschichte einer Bauform von der Französischen Revolution bis zum Medienzeitalter — Bielefeld, 2008

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Der Landschaftsgarten

Zur Genealogie säkularer Kultformen der Moderne

Die Säkularisierung der religiösen Kultpraxis, deren erster kollektiver
Höhepunkt die Rituale der Französischen Revolution darstellen, ist
Voraussetzung für eine/n bis heute aktuelle Gedächtniskult/ur des
Nationalen. Aber wie vollzog sich dieser Wechsel von der kultischen
Handlung zu einer Art kultischen Blicks, wie er für die Etablierung
politischer Kulte bedeutsam wurde? Und wo vollzog sich diese Verän-
derung? Immerhin veränderte sich damit der mediale Charakter des
Kultes. Auch die zu einem Kult immer gehörende »Priesterschaft«
veränderte Status, Aussehen, Anzahl und Funktion. Und was hatten
diese Verschiebungen in der kulturellen Praxis von Kult und Politik
mit den Staatsformen der Moderne zu tun, vor allem mit der Einfüh-
rung des neuen Volkssouveräns? Haben die neuen, säkularisierten
Kultformen politischer Selbstbeschreibung zu tun mit den seit der
Aufklärung veränderten Formen einer diskursiven Erzeugung von
Macht, die Foucault beschrieben hat? Ich habe nun durchaus nicht
vor, diese Fragen zu beantworten, denn sie führen weit über den
Rahmen hinaus, der hier gesteckt ist, sie werden jedoch das Folgende
beeinflussen.

Eine Genealogie säkularer Kultformen der Moderne, wobei mit
dem Begriff der Moderne hier jene Epoche bezeichnet ist, die mit der
Französischen Revolution beginnt, wäre meines Erachtens in einer
kulturellen Praxis seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts anzu-
setzen, die vorwiegend, aber nicht nur, von der Aristokratie betrie-
ben wurde: dem Landschaftsgarten mit seinen Tempel- und Memori-
albauten. Als Vorbereitung zum Kult bürgerlicher Werte könnte diese
Praxis insofern gesehen werden, als sie in vom Hof unabhängigen
Räumen kultiviert wurde. Sie entspräche also auch einer Absetzbe-
wegung von der Zentralität des Hofes und den Ritualen absoluter
Monarchie, noch bevor die neuen Formen bürgerlicher Öffentlichkeit
zu greifen begannen.

Der Landschaftsgarten bot den konkreten Erfahrungsraum, oder
besser, den Raum für eine konkrete Repräsentation von Diskursen
der Aufklärung, die eines gemeinsam hatten: die Suche nach einer
ideologischen Zentralität außerhalb und gegen die alten Zentren von
Hof und Kirche. Gesucht wurde diese Zentralität in der Natur, deren
Konzept Anknüpfungspunkte für diverse Ordnungsdiskurse bot: Na-
turreligion, neue Staatstheologien, die nun am Naturrecht und nicht
mehr an der Stellvertretung Christi orientiert waren, eine Anthropo-
logie, welche die Historie als eine des Verfalls und der Entfremdung

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