Falkenhausen, Susanne von  
KugelbauVisionen: Kulturgeschichte einer Bauform von der Französischen Revolution bis zum Medienzeitalter — Bielefeld, 2008

Seite: 79
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Tumulus und Turm

ALterität im Diskurs nationaler Einheit des 19. Jahrhunderts

Als bauliche Metapher des im Politischen fixierten Kultes oszilliert die
Grotte zwischen einer positiven und einer negativen Besetzung: dem
Gedenken an den geheiligten Helden - hier ist die Grotte Zeichen
für die Rückkehr zur »Mutter Natur« als Ort der Totenruhe - und der
Bedrohung - hier ist sie Zeichen für etwas, was außerhalb der »ei-
genen« Identität lokalisiert wird, etwas Feindliches. In beiden Fällen
wird sie jedoch kombiniert mit den Zeichen für eine heldenhafte
Überwindung dessen, was mit der Grotte bezeichnet wird. Tempel,
Obelisken, Säulen, Heilige Berge, welche die Grotte/Gruft bekrönen,
signalisieren den jeweiligen Sieg: den über das Vergessen im Tod, den
über das Verschwinden in der Materie nach dem Tod durch die Tran-
szendierung des Heldentodes im kollektiven Gedenken und den über
die Mächte des Ancien Regime, die in die Grotte am Fuß des Heiligen
Berges verbannt sind. Die Grotte signalisiert also im positiven wie
im negativen Sinne das weiblich konnotierte »Andere« eines männ-
lich-bürgerlichen Kollektiv-Ichs, ein Anderes, dessen Überwindung in
dieser dualen Struktur signalisiert wird. Für das Ancien Regime sei
hinzugefügt, dass dieses selbst mit Zuschreibungen des Weiblichen
auf vielen Ebenen überzogen worden war - sein Stil (die Rocaille),
seine Bildmotive (z.B. Bouchers niedliche Akte mit Hündchen, Frago-
nards Die Schaukel), die mit dem männlichen Stil und den Heldenthe-
men eines an Sparta orientierten Klassizismus (wie Davids Schwur der
Horatier) konfrontiert wurden,141 seine Dekadenz, verursacht von der
höfischen Mätressenkultur.142

Boullees Tempel der Natur/Vernunft, Belangers Newton-Denkmal,
viele Entwürfe für öffentliche »Kult«-Gebäude der Revolution, die be-
sprochen worden sind, repräsentieren in der Dualität von Kugel und
Grotte/Tumulus (Hügelgrab) ein symbolisches Ganzes: das Subjekt ei-
ner bürgerlichen Revolution, das nach seiner ideologischen Emanzipa-
tion in der Aufklärung seine politische Emanzipation zu legitimieren
sucht. Die Bilder, die diese Bauten vor uns erstehen lassen, sind wun-
derbare Beispiele für die »mythische Anschauung« der Revolution,

141 Vgl. dazu Elmar Stolpe: Klassizismus und Krieg. Über den Historienmaler Jac-
ques-Louis David, Frankfurt/M. 1985.

142 Die berühmte Halsbandaffäre, begleitet von drastischen Karikaturen, speiste
auch die Königin in dieses pornografisch besetzte Register ein. Vgl. u.a. Simon Scha-
ma, Der zaudernde Citoyen. Rückschritt und Fortschritt in der Französischen Revolution,
München 1989, Kap. 6. Dortauch Angaben zur zeitgenössischen Literatur- und Klatsch-
produktion, wie z.B. dem Recueil des memoires sur l'affaire du collier, Paris 1787.

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