Der Fall Quirlberger
Von Lieronymus Job«.
Moralstatistik und soziale
Ethik werden kaum stillschwei-
gend an ihm vorübergehen
können, stellt er doch die Kri-
minalität von drei Generatio-
nen ein und derselben Familie
gleichzeitig zur Entscheidung.
Wie eine Bombe fiel er in
das Laus des Großkaufmanns
Ouirlberger,Gombertistraße 72,
wie schlagende Wetter vergif-
tete er für die Beteiligten die
Luft. Alles bei heiterstem Lim-
mel. So heiter, daß Großmutter
Anzinger ihre Schnapsdestil-
lation vor das Fenster ihrer
Wohnstube stellte, bestimmt er-
wartend, die gütige Sonne
werde heute zu dem altbewähr-
ten Likörrezept ihr Bestes hin-
zufügen. In Ehren und Anbe-
scholtenheit war die Frau achtzig
Jahre alt geworden, und den-
noch nahm gerade von ihr das
Anheil seinen Lauf.
Freilich hatte dieses zunächst
noch die unverfängliche Gestalt
einer niedlichen, durch und durch
harmlosen Weckeruhr, wie man
sie bisweilen auf Nachttischen
erblickt; aber das ist ja eben
das Charakteristische auf krimi-
nellem Gebiet: ein Gegenstand,
sonst ohne Arg und Fehl, —
hier kann er im Handumdrehen
zum verbrecherischen Werkzeug
werden und als solches, mag
er auch bislang noch so unbe-
achtet seinen bürgerlichen
Zwecken gedient haben, plötz-
lich die entrüstete Aufmerksam-
keit einer ganzen Körperschaft
auf sich lenken. Denn gerade
am Korpusdelikti münden nicht
selten die dunklen Maulwurfs-
gänge der Kausalität unver-
sehens ins Tageslicht. And was
in dieser grellen Belichtung an
unmittelbaren Folgen sichtbar
wurde, das war im Fall Quirlberger folgendes:
Erstens und vor allem ein amtliches Schreiben des Direkto-
rats des Sankt Georgsgymnasiums, bei dessen Lektüre und Schuld-
darstellung bis zurück ins dritte Glied seiner Familie dem Groß-
kaufmann Quirlberger die Augen aus den Löhlen traten, die
Äaare zu Berg stiegen, und er schließlich an der Zukunft seines
Sohnes Fritz verzweifelte. Erst nach geraumer Weile gewann
er seine gewohnte Festigkeit insoweit wieder zurück, daß er sein
geliebtes, einziges Kind mit jener väterlichen Seelenstärke, die
wir an den alten Römern noch heute bewundern, windelweich
durchzuwalken vermochte.
Zweitens eine furchtbare Auseinandersetzung zwischen Lerrn
Quirlberger und seiner Schwiegermutter, das ist der bereits oben
erwähnten Großmutter Anzinger. So hageldicht fielen hierbei
auf die ahnungslose Greisin die
brutalen Vorwürfe des Schwie-
gersohnes, betreffend die gren-
zenlose Verziehung seines Kna-
ben, daß die gute Frau, nicht
mehr wissend, wo ihr der Kopf
stehe, in Schmerz und Trauer
zu ihrer Destillation flüchtete
und hier ihre im allgemeinen
felsenfeste Gesundheit nicht un-
bedenklich erschütterte. Der her-
beigerufeneLausarzt versicherte
es wenigstens.
And drittens ein Brief des
Dichters Siebenstark an den
Großkaufmann, verabfaßt mit
der ganzen Fülle von Tempe-
rament, deren Künstler zwar
bei Ausübung ihres Berufes
nicht entraten können, die aber
im Alltagsleben besser unan-
gewendet bleibt. Sie blieb es
hier keineswegs, und deshalb
trug Lerr Quirlberger den Sie-
bensackischen Temperaments-
ausbruch ungesäumt zu seinem
Rechtsanwalt, auf daß der al-
sogleich des Dichters Sonnen-
Dasein mit einem saftigen
Strafprozeß überschatte.
Wieso nun das alles? Ach,
während einer deutschen Schul-
aufgabe über das in Prosa
nachzuerzählende Gedicht „Das
Glöcklein von Burkershill" er-
scholl auf einmal, in der angst-
vollen Stille doppelt laut, ein
silberhelles, andauerndes Kling-
linglingling, und wenn es auch
anfänglich schien, als erklänge
plötzlich ob den stillen Wald-
gründen von Burkershill das
Glöcklein des frommen Klaus-
ners, so war es doch, je länger
umso unverkennbarer, lediglich
eine Weckeruhr. Wo und wes-
sen? In der Losentasche eines
der Siebensackischen Dichter-
zwillinge, der Mitschüler des
Fritz Quirlberger. Aber nicht
etwa des Dichters Wecker; denn
Dichter, freundliche Leserin,
werden vom Genius und nicht von einem Ahrmacher geweckt.
Sondern der Wecker vom Nachttischchen der Großmutter An-
zinger, von ihrem Enkelkinde bis in die Quarta des Sankt
Georgsgymnasiums verschleppt und nach Ermittlung des ver-
worrenen Tatbestands vom Ordinarius der Klasse dem Lehrerrat
unterbreitet.
Es bleibt nur noch übrig, an diese Feststellungen für Eltern
und Großeltern den Warnruf zu knüpfen: Beugt durch entspre-
chende Familiensatzung dem Aufenthalt von Weckeruhren in den
Äosentaschen eurer Heranwachsenden Söhne und Enkel rechtzeitig
vor! Denn auch das stimmungsvollste Klinglinglingling ist und
bleibt, um mit dem Vorstand des Sankt-Georgsgymnasiums zu
sprechen, unter Amständen doch nur eine dreiste Störung des
Anterrichts und eine unerhörte Kränkung des Lehrers.
Angünstiges Zusammentreffen
„Wie, nicht ein einziger Brief ist auf mein Inserat in der
Montagnummer eingelaufen? Das ist doch gar nicht möglich."
„Wenn Sie die Dame mit den zehntausend Mark Vermögen
sind, wird's schon stimmen, mein Fräulein. In der Montagnummer
hatte nämlich auch eine Dame mit hunderttausend Mark inseriert."
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Von Lieronymus Job«.
Moralstatistik und soziale
Ethik werden kaum stillschwei-
gend an ihm vorübergehen
können, stellt er doch die Kri-
minalität von drei Generatio-
nen ein und derselben Familie
gleichzeitig zur Entscheidung.
Wie eine Bombe fiel er in
das Laus des Großkaufmanns
Ouirlberger,Gombertistraße 72,
wie schlagende Wetter vergif-
tete er für die Beteiligten die
Luft. Alles bei heiterstem Lim-
mel. So heiter, daß Großmutter
Anzinger ihre Schnapsdestil-
lation vor das Fenster ihrer
Wohnstube stellte, bestimmt er-
wartend, die gütige Sonne
werde heute zu dem altbewähr-
ten Likörrezept ihr Bestes hin-
zufügen. In Ehren und Anbe-
scholtenheit war die Frau achtzig
Jahre alt geworden, und den-
noch nahm gerade von ihr das
Anheil seinen Lauf.
Freilich hatte dieses zunächst
noch die unverfängliche Gestalt
einer niedlichen, durch und durch
harmlosen Weckeruhr, wie man
sie bisweilen auf Nachttischen
erblickt; aber das ist ja eben
das Charakteristische auf krimi-
nellem Gebiet: ein Gegenstand,
sonst ohne Arg und Fehl, —
hier kann er im Handumdrehen
zum verbrecherischen Werkzeug
werden und als solches, mag
er auch bislang noch so unbe-
achtet seinen bürgerlichen
Zwecken gedient haben, plötz-
lich die entrüstete Aufmerksam-
keit einer ganzen Körperschaft
auf sich lenken. Denn gerade
am Korpusdelikti münden nicht
selten die dunklen Maulwurfs-
gänge der Kausalität unver-
sehens ins Tageslicht. And was
in dieser grellen Belichtung an
unmittelbaren Folgen sichtbar
wurde, das war im Fall Quirlberger folgendes:
Erstens und vor allem ein amtliches Schreiben des Direkto-
rats des Sankt Georgsgymnasiums, bei dessen Lektüre und Schuld-
darstellung bis zurück ins dritte Glied seiner Familie dem Groß-
kaufmann Quirlberger die Augen aus den Löhlen traten, die
Äaare zu Berg stiegen, und er schließlich an der Zukunft seines
Sohnes Fritz verzweifelte. Erst nach geraumer Weile gewann
er seine gewohnte Festigkeit insoweit wieder zurück, daß er sein
geliebtes, einziges Kind mit jener väterlichen Seelenstärke, die
wir an den alten Römern noch heute bewundern, windelweich
durchzuwalken vermochte.
Zweitens eine furchtbare Auseinandersetzung zwischen Lerrn
Quirlberger und seiner Schwiegermutter, das ist der bereits oben
erwähnten Großmutter Anzinger. So hageldicht fielen hierbei
auf die ahnungslose Greisin die
brutalen Vorwürfe des Schwie-
gersohnes, betreffend die gren-
zenlose Verziehung seines Kna-
ben, daß die gute Frau, nicht
mehr wissend, wo ihr der Kopf
stehe, in Schmerz und Trauer
zu ihrer Destillation flüchtete
und hier ihre im allgemeinen
felsenfeste Gesundheit nicht un-
bedenklich erschütterte. Der her-
beigerufeneLausarzt versicherte
es wenigstens.
And drittens ein Brief des
Dichters Siebenstark an den
Großkaufmann, verabfaßt mit
der ganzen Fülle von Tempe-
rament, deren Künstler zwar
bei Ausübung ihres Berufes
nicht entraten können, die aber
im Alltagsleben besser unan-
gewendet bleibt. Sie blieb es
hier keineswegs, und deshalb
trug Lerr Quirlberger den Sie-
bensackischen Temperaments-
ausbruch ungesäumt zu seinem
Rechtsanwalt, auf daß der al-
sogleich des Dichters Sonnen-
Dasein mit einem saftigen
Strafprozeß überschatte.
Wieso nun das alles? Ach,
während einer deutschen Schul-
aufgabe über das in Prosa
nachzuerzählende Gedicht „Das
Glöcklein von Burkershill" er-
scholl auf einmal, in der angst-
vollen Stille doppelt laut, ein
silberhelles, andauerndes Kling-
linglingling, und wenn es auch
anfänglich schien, als erklänge
plötzlich ob den stillen Wald-
gründen von Burkershill das
Glöcklein des frommen Klaus-
ners, so war es doch, je länger
umso unverkennbarer, lediglich
eine Weckeruhr. Wo und wes-
sen? In der Losentasche eines
der Siebensackischen Dichter-
zwillinge, der Mitschüler des
Fritz Quirlberger. Aber nicht
etwa des Dichters Wecker; denn
Dichter, freundliche Leserin,
werden vom Genius und nicht von einem Ahrmacher geweckt.
Sondern der Wecker vom Nachttischchen der Großmutter An-
zinger, von ihrem Enkelkinde bis in die Quarta des Sankt
Georgsgymnasiums verschleppt und nach Ermittlung des ver-
worrenen Tatbestands vom Ordinarius der Klasse dem Lehrerrat
unterbreitet.
Es bleibt nur noch übrig, an diese Feststellungen für Eltern
und Großeltern den Warnruf zu knüpfen: Beugt durch entspre-
chende Familiensatzung dem Aufenthalt von Weckeruhren in den
Äosentaschen eurer Heranwachsenden Söhne und Enkel rechtzeitig
vor! Denn auch das stimmungsvollste Klinglinglingling ist und
bleibt, um mit dem Vorstand des Sankt-Georgsgymnasiums zu
sprechen, unter Amständen doch nur eine dreiste Störung des
Anterrichts und eine unerhörte Kränkung des Lehrers.
Angünstiges Zusammentreffen
„Wie, nicht ein einziger Brief ist auf mein Inserat in der
Montagnummer eingelaufen? Das ist doch gar nicht möglich."
„Wenn Sie die Dame mit den zehntausend Mark Vermögen
sind, wird's schon stimmen, mein Fräulein. In der Montagnummer
hatte nämlich auch eine Dame mit hunderttausend Mark inseriert."
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Werk/Gegenstand/Objekt
Pool: UB Fliegende Blätter
Titel
Titel/Objekt
"Ungünstiges Zusammentreffen"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel
Fliegende Blätter
Sachbegriff/Objekttyp
Inschrift/Wasserzeichen
Aufbewahrung/Standort
Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES
Objektbeschreibung
Maß-/Formatangaben
Auflage/Druckzustand
Werktitel/Werkverzeichnis
Herstellung/Entstehung
Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Entstehungsdatum
um 1931
Entstehungsdatum (normiert)
1926 - 1936
Entstehungsort (GND)
Auftrag
Publikation
Fund/Ausgrabung
Provenienz
Restaurierung
Sammlung Eingang
Ausstellung
Bearbeitung/Umgestaltung
Thema/Bildinhalt
Thema/Bildinhalt (GND)
Literaturangabe
Rechte am Objekt
Aufnahmen/Reproduktionen
Künstler/Urheber (GND)
Reproduktionstyp
Digitales Bild
Rechtsstatus
In Copyright (InC) / Urheberrechtsschutz
Creditline
Fliegende Blätter, 174.1931, Nr. 4473, S. 261
Beziehungen
Erschließung
Lizenz
CC0 1.0 Public Domain Dedication
Rechteinhaber
Universitätsbibliothek Heidelberg