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VIII

CHEMIE. ERZEUGNISSE UND HILFSMITTEL DER KUNST, LITTERATUR

UND WISSENSCHAFT

DIE
CHEMISCHE

AUS-
STELLUNG
(PRODUKTE

FÜR
INDUSTRIE

UND
PHARMACIE)

OR allen Industrien, die sich
auf der Pariser Weltaus-
stellung zum Preise des
abgelaufenen Säkulums in
einerglänzenden Apotheose
zeigten, durfte die che-
mische Industrie als ein
besonders glücklichesKind
des Jahrhunderts auf all-
seitiges hohes Interesse rechnen. Die Chemie als
die junge Wissenschaft, die am innigsten mit einer
Industrie verknüpft ist — einer Industrie, die ihrer-
seits wieder allen Industrien zur modernen Lebens-
fähigkeit verhilft, in der Arbeitswelt von heute gleich
dem Blute im feinverzweigten Aderwerk des mensch-
lichen Körpers wirkt — musste auch auf einer Welt-
ausstellung den besonders geheiligten Boden ein-
nehmen, auf dem der sinnende Gelehrte und der
praktische Fachmann sich froh des gemeinsamen
Erfolgs die Hände reichen konnten, hier in der
vornehmsten Domäne ihrer segensreichen Verbrüde-
rung. Zwischen den langen Reihen der mit Pulvern
und Flüssigkeiten gefüllten Gläser in dem grossen
Palais des industries chimiques auf dem Marsfelde
zu wandeln, das hat für den simplen Ausstellungs-
touristen keinen Reiz; und doch, welch laute Sprache
reden die scheinbar so uninteressanten, buntgefüllten
Behälter zu dem denkenden Menschen, der die
Legionen von Flaschen mustert, gefüllt mit geheim-
nisvollen Präparaten, den Früchten unermüdlicher
Thätigkeit vieler hochbegabter Männer. In unendlicher
Masse liegen die Zusammenstellungen der Elemente
vor, jede neue Kombination von anderer Wirkung,
und nicht nur für das Gelehrtenzimmer!, für den
Handwerker und Künstler. Hier hilft ein Präparat dem
Schuhmacher zur schnellen Bereitung des Leders, ein
anderes dient dem Tischler, wieder eines wandert
in die Hände des Schmiedes, Hunderte helfen dem
Tuchweber; der Koch, der Arzt, der Maler, sie alle
nehmen aus der unerschöpflich spendenden Chemie
die Hilfsmittel, ohne die sie den Ansprüchen der
modernen Welt nicht mehr genügen können. So
kann der Palast der chemischen Industrie als Mittel-
punkt der gesamten Ausstellung betrachtet werden,
jeder Arbeitende wird darin nach den Hilfskräften
suchen, welche die Gelehrten für ihn entdeckt und
die Fabriken schnell in Massen bereitet haben. Noch
vor wenigen Dezennien soweit hinten im Dunkeln,

ist jetzt die ausgedehnteste Wissenschaft den haupt-
sächlichsten Zielen nahe.

Die Franzosen nennen sich die Väter der
chemischen Wissenschaft; sie haben ein Recht dar-
auf, aber den praktischen Erfolg haben sie nicht in
vollem Masse geerntet. Die Weltausstellung brachte die
_zum Jahrhundertwechsel den unbestrittenen Triumph Samm1laus-
der deutschen chemischen Industrie. Als eine starke Stellung
einträchtige Macht tritt sie im Rahmen der Welt-
ausstellung auf; es gilt nicht eine Reklame für
die einzelne Firma, sondern den Beweis von der
grossen, heute unübertroffenen Leistungsfähigkeit der
gesamten Industrie durchzuführen. Der Beweis ist
gelungen und offenkundig. Der Fachmann kon-
statiert ihn, und selbst dem Laien geht ein Licht
von der hohen Bedeutung auf, welche die deutsche
Arbeit auf chemischem Gebiete erlangt hat. Das,
was die deutsche Ausstellung in erster Linie zu er-
kennen giebt, das ist, dass Deutschland jetzt frei von
der Hilfe des Auslandes ist; die Zeiten sind vorbei,
in denen England ihm mit den einfachsten chemischen
Massenprodukten aushelfen musste und in Deutsch-
land nur in geringem Masse pharmaceutische Präpa-
rate hergestellt wurden. Die deutsche Chemie ist
aber nicht nur unabhängig, sondern vielfach bahn-
brechend geworden; ein grosser Teil der neuen Ent-
deckungen von hauptsächlich praktischer Bedeutung
ist deutsches Verdienst.

Die Abteilung des deutschen Reiches hat im
Palast der chemischen Industrien einen sehr bevor-
zugten Platz gefunden, sie liegt unweit der Halle,
in der seine Ingenieure ihm auf dem Gebiete der
Elektrizität einen anderen Triumph bereitet. Schöne
dunkelbraunpolierte Vitrinen enthalten in geschmack-
vollem Aufbau die Sammelausstellung der deutschen
chemischen Fabriken; sehr belebend wirkt eine
schöne, die Chemie verherrlichende Gruppe des
Bildhauers Hermann Hidding; auf hohem, wertvolle
Mineralien enthaltenden Gestein sind drei alle-
gorische Frauengestalten mit der Prüfung eines
Krystalls beschäftigt, den ihnen ein Arbeiter herauf-
gereicht. Es ist eine Sammelausstellung im besten
Sinne des Wortes, kein Firmenname tritt auf; man liest
an den tausend Glasgefässen nur die Bezeichnung
des Inhalts, nicht der Herkunft. Die deutsche Ausstel-
lung ist demnach mehr eine vollkommene Illustration
der modernen Grossindustie zu nennen, als ein Kon-
kurrenzunternehmen gegenüber den Fabriken des

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