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Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst — 1932

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https://doi.org/10.11588/diglit.6520#0005
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MITTEILUNGEN

DER

GESELLSCHAFT FÜR VERVIELFÄLTIGENDE KUNST

BEILAGE DER »GRAPHISCHEN KÜNSTE<(.

1932. WIEN. Nr. 1.

Studien und Forschungen.

Meisterzeichnungen.

I. Aus dem holländischen Kunstkreis.

1. Hieronymus Bosch, Die Krüppel. Bisterfederzeichnung. 262: 198 mm. Brüssel, Cabinet des Estampes de la
Bihliotheque royale.

Das Blatt wurde erst einmal in der Literatur behandelt. Die Societe des bibliophiles et iconophiles de Belgique gab
1924 ein Album der im Besitz des Kupferstichkabinetts befindlichen Bruegel-Zeichnungen heraus, dessen wissenschaftliche
Redaktion in der Hand von Bastelaer lag.1 Bastelaer betrachtete das Blatt auf Grund der in der linken unteren Ecke
stehenden Signatur »BRVEGEL 1558« als Werk Bruegels. Wenn hier der Versuch gemacht wird, es dem Holländer
zurückzugeben, so geschieht dies auf Grund stilkritischer Überlegung. Es gibt von Bosch ein weiteres Blatt, das wie sein
Geschwister anmutet: das Blatt der Albertina (Katalog 24); dieses ist gleichfalls eine Federzeichnung, nur nicht in so
lichtem, schwebend blondem Bister ausgeführt, sondern in stumpferem Graubraun, dabei von wenig größerem Ausmaß.
Das Thema ist in beiden Fällen das gleiche: über ein weißes Blatt Papier ist eine große Zahl von phantastischen Krüppeln
und Bettlern wie ein Streumuster ausgebreitet. Raumangaben fehlen; kaum daß schwache Schlagschatten so etwas wie
Bodenschwellen markieren. Der Unterschied besteht zwischen dem Wiener und dem Brüsseler Blatt, daß in ersterem die Ge-
stalten, so dicht sie auch aneinandersitzen, meist ein völlig isoliertes Dasein führen. Nur die beiden Blindenpaare zeigen
durch gemeinsames Schicksal aneinandergekettete Wesen. Rechts davon steht scheinbar ein disputierendes Paar. Doch
nur scheinbar; denn der mit der Hand Gestikulierende — seine kleineren Dimensionen schieben ihn auch tiefer in den
Raum hinein — redet an dem feisten Krückenmann vorbei, der seinerseits an ihm vorüberblickt. Sie nehmen bei näherer
Betrachtung keine Notiz voneinander. So humpelt jedes Dasein, wie in einen unsichtbaren Globus geschlossen, für sich
allein durchs Leben. Das Ganze kreist sinn- und ausweglos ineinander, wie Mikroben in einem Wassertropfen. Im
Brüsseler Blatt beginnen schon primitive Formen der »Vergesellschaftung«. Auf der Höhe des Blattes stelzen zwei, von
denen jeder nur einen Fuß hat, in kühnem Sturmschritt quer durch den Raum los, wie durch ein gemeinsames, höchst
erstrebenswertes Ziel angezogen. Dem Linken wächst ein schellenbesetzter Blasebalg als groteskes Flügelpaar aus den
Schultern, während ihm Schöpfkelle und Krug vom Gürtel baumeln; ein langer orientalischer Kopfschleier weht dem
Ziele zu. Der rechte hat es schwerer, denn eine riesige Sackhaube zieht seinen Kopf hintüber, wie einen jener geblähten
durchsichtigen Insektenleiber, in denen sich kleine Lebewesen regen. Darunter reihen sich mehrere Paare im »Gedanken-
austausch«. Das linke ereifert sich heftig, doch halblaut. Der Beschauer, dem die breiten Kehrseiten zugewendet werden,
soll nicht hören, was sich die beiden in den Raum hinein Humpelnden zu sagen haben; gerade noch ein scheeler Seiten-
blick trifft ihn. Das nächste Paar könnte »Die Überredung« betitelt werden. Mit spitzem Profil und dringlicher Frage
bedrängt der Inhaber eines verdorrten Beins den in schwerfälliger Überlegung zusammensinkenden Nachbarn, dessen
feister Leib sich — ein Ausdruck schwankender Gemütsverfassung — auf den Krücken hin- und herwiegt. Das dritte
Paar illustriert eine »Begegnung«. Ein Harfenist und ein Beinloser kriechen auf Bänkchen mühsam zu einander, in jenem
»ständischen« Interesse, das solch arme Lebewesen aneinander nehmen müssen, wenn sie irgendwo in gegenseitige

1 Les dessins de Pierre Bruegel l'anrien appartenant au Cabinet des Estampes de la Bibliotheque royale de Belgique. Album de reproductions
publie par les soins de Rene van Bastelaer. Bruxelles, Societe des bibliophiles et iconophiles de Belgique, 1924, fol., 4 pl., 4 p.

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