Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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Spielnmrm's Order!


Von Robert Hermann.

Zigeuner-Lied.
Ich bin ein junger Zigeunersmann
Wit heißem, leichtem Blut.
Und was ich just am Leibe trag'
Ist all mein Hab und Gut.
Doch kümm're ich mich dessen nicht,
Wer wenig hat, trägt leicht.
Wir ist so wohl wie dem Abendwind,
Der um die Binsen streicht.
Ich singe von Rönigen reich an Land
Und Diamanten so schwer.
Ich singe von Rronen aus lauterem Gold,
Und doch ist mein Beutel stets leer.
Doch ist auch mein Beutel so leer und so leicht.
So lange ein Weib mir noch hold,
Bin glücklicher ich als die Rönige all,
Samt ihrem Silber und Gold.
Ich sing' ja mein Lied manch schöner Frau,
Wit Haaren so blond und so weich.
Da ist mein Liebchen ein Rönigskind,
Gin Rönig bin ich, ohne Reich.
So zieh ich durch den Grdenraum,
Und immer auf blumigen Au'n,
Und meine Lippen sind frisch und rot
Vom Russe schöner Frauen.
Und wenn einst meine Lippen bleich,
Und wenn ich sterben muß,
Dann nehm ich das schönste Weib in den Arm,
Und sterbe in ihrem Ruß.
Jigeuner's Tod.
Wenn einst mein müdes Auge
Für immer sich verschließt,
Der Tod mir von der Stirne
Die heiße Sehnsucht küßt,

Und wenn die Sonne verblutet
Im flammenden Abendrot,
Zieht meine Seele zur Tiefe —
Am Steuer steht der Tod.
Dann lasset die Ruder schleifen,
Und still soll es sein, so still —
Nur leise werden die Wellen
Rascheln am scharfen Riel.
Ihr aber sollt landwärts rudern,
Die Herzen wohl trübe und schwer —
Doch sprecht kein Wort; — nur die Glocke,
Die Glocke soll klagen am Weer.
Ls leben die Frauen!
Gs leben die Frauen!
Wanch Distelkranz
Ist das Merk ihrer schneeweißen Hände.
Den drücken sie lächelnd Dir auf's Haupt
Und nennen ihn „Liebesspende —"
Gs leben die Frauen!
Und jede preßt
Die Disteln Dir in die Stirne.
Du blutest und blutest, und 's ist doch nur
Dein Herzblut für eine Dirne.
Gs leben die Frauen!
Und hast Du zuletzt
Nach langem Lieben und Werben
Die Reinheit gefunden, dann ist es zu spät —
Du liegst verblutend im Sterben.
Zigeuner-Dank.
Ich spielte in einem Rönigsschloß
Wit meiner Fiedel einmal.
Der Rönig war schon alt und lahm
Und hatte ein junges Gemahl.

Dann soll die Sonne bluten,
Die Blätter gelben im Haag,
Und Glocken sollen klagen,
Glocken mit ehernem Schlag.
Sollt an das Weer mich führen
Weit drunten im sonnigen Süd,
Wo vor zersprengten Altären
Die weinende Menschheit kniet.

Ich sang von einer wilden Lust,
Von Nächten schwül und bang —
Der Rönig führte die Rönigin fort.
Nicht taugte ihm mein Sang.
Gr lohnte mich ab mit fürstlichem Gold —
Doch in derselbigen Nacht
Hab ich der Rönigin jung und schön
Lin Ständchen dargebracht. —

Sollt mich zur Barke bringen
Wit flüsterndem Geigensang,
Sollt meine Sehnsucht fahren
Gen Sonnenuntergang - —
Die Strahlen werden sterben.
Auf Wellen schaukelt die Nacht,
Der Wond hält zwischen den Welten
Getreue Totenwacht.

Ich dachte: Du schuldest dem Rönige Dank
Für seine klingende Wünz' —
Nun schaukelt auf seinem morschen Rnie
Gin richtiger kleiner PRinz.
Die Schranzen schüttelten dumm das Haupt,
Und der Rönig alt und lahm,
Hält oft jetzt Rat mit seinem Gemahl,
Wie das Wunder zustande kam.

Nkr 6i.ik mm der EuimllirMr.

Es war einmal ein junger Graf, und der war der letzte
Sproß des berühmten Geschlechts derer von der Gummizelle. Er
besaß unermeßlich große Güter und Reichthümer, und er hätte
sein Geschlecht forterben und in Freuden leben können, wenn er
nicht böse Feinde gehabt hätte.
Diese aber führten ihn eines Tages unter dem Vorgcben,
es sei im erlauchten Oberstübchen nicht richtig, in eine Burg,
welche von einem bösen Drachen, namens Direktor, bewacht wurde,
und da wurde er unu gefangen gehalten.
Der Graf hatte aber zwei Onkel und zwei Tanten, welche
beide damit nicht einverstanden waren. Sie gehörten zwei ver-
schiedenen Seitenlinien des Geschlechts derer von der Gnmmizelle an.
Der eine Onkel war der Graf von Gummizelle —Arnheim,
der durch redliche Börsengeschäfte sich mühsam ein riesiges Vermögen
erworben hatte. Selbst sechzig Jahre alt, heiratete er eine junge
Dame von zwanzig Jahren und hatte das Glück, seine Ehe bald
durch einen jungen Sproß gesegnet zu sehen. Obgleich dieser
Onkel reich genug war, konnte er feinen einjährigen Sohn nicht
begütert genug sehen und wünschte, daß dieser die Hanptlinie, den
Grafen von der Gummizelle also, beerbe.
Die andere Seitenlinie vertrat der Graf von Gummizelle—
Orang, eines der urältesteu Geschlechter dieser Erde. Er hatte eine
Tochter, deren Alter zwischen dreißig und füufundvierzig Jahren
schwankte, und diese wünschte er mit ihrem Konsin, dem Grafen
von der Gummizelle also, zu »vermählen.
Nun eines Tages konnte der böse Drachen, genannt Director,
den beiden Onkels die Nachricht senden, daß Graf von der Gummi-
zelle genesen und vollständig bei Verstände sei. Darüber herrschte
die größte Freude, und es wurden die umfangreichsten Vorkehr-
ungen zum Empfange des Grafen auf seiner Stammburg ge-
troffen. Bis die Vorbereitungen beendet wären, sollte der Graf
noch in seiner Gefangenschaft verharren.
Wenige Tage aber vor der Empfangsfeierlichkeit trat leider
ein Rückschlag ein. Der junge Graf schien, Ivie gesagt, völlig
genesen, nur ein wenig Wasserscheu hatte er zuriickbehalten.
Eines Tages regnete es nun, und der Director fand den
Grasen in der Hausthür stehend und ängstlich in den Regen
hinansblickend.
„Wünschen Sie etwas, Erlaucht?" fragte der Direktor.
„Ich glaube, ich habe meine» Stammbaum im Garten ver-
gessen," erwiderte der Graf.
Der Director zuckte zusammen. Da er aber einmal feinen
Gefangenen für genesen erklärt hatte, so erwiderte er freundlich:
„Ich werde ihn sofort holen."
Und er schritt hinaus. Der Graf aber rief ihm in der
höchsten Aufregung nach:
„Machen Sie sich nur nicht naß!"
Er wollte noch einiges hinzufngen, aber sein von den vielen
Jahrhunderten abgenutztes Gehirn versagte Plötzlich ganz und gar,
— der Graf hatte das Gedächtnis verloren. Er hatte alles ver-
gessen bis auf die letzten Worte, welche er dem Director znrief:
„Machen Sie sich nur nicht naß!"
Diese Worte wiederholte er beständig in einer grübelnden

Art, als wolle er sich ins Gedächtnis znrückrnfen, was er weiter
zu sagen beabsichtige.
Es Ivar ein verhängnisvoller Fall, aber nachdem der Director
mit den beiden Onkels conserirt hatte, wurden sie darüber einig,
daß Graf von der Gummczelle seinen Verstand nicht nur voll-
ständig wiedererlangt, habe, sondern sogar in die tiefsinnigsten Prob-
leme versenkt sei, mir würdige er seine niedriggeborene Umgebung
nicht, darüber zu sprechen. Und die Worte, welche er ab und zu
wiederholte: „Machen Sie sich nur nicht naß!" wurden als
herablassender Scherz betrachtet, welcher in der Zeitung der gräf-
lichen Hauptstadt reichlich zwei Spalten füllte.
Es fand also eine große Festlichkeit auf der alten Familien-
burg derer von der Gummizelle statt.
Im Saale des alten Schlosses wurde der Erbe zunächst von
dem Onkel Gnmmizelle—Arnsheim empfangen, welchem seine junge
Fran, das Kleine auf dem Arme, folgte. Zuerst hielt der alte
Graf an seinen Neffen eine Ansprache, dann sagte die junge Frau
einige Worte. Und Graf von der Gummizelle starrte erst diese,
dann das Kind an stammelte:
„Machen Sie sich nur nicht naß!"
Die allgemeine Verlegenheit wurde rasch durch den andern
Onkel, den Grafen Gnmmizelle—Orang überwunden, welcher den
Schloßherrn beim Arme nahm und ihn au die Tafel führte.
„Trinken wir auf das alte Geschlecht derer von Gnmmizelle!"
Er schob dem Neffen die Champagnerflasche hin. Dieser
ergriff sie und zog in ungeschickter Weise den Propfen heraus, so
daß das ansströmende Naß das Kleid der alten Frau Gräfin
Gnmmizelle-Orang überschwemmte.
In die Stille der allgemeinen Bestürzung tönten die Worte
des jungen Grafen, die er seiner Dame zurief:
„Machen Sie sich nur nicht naß!"
Die Tante machte eine süßsanre Miene, ja sogar eine mehr
süße als saure, denn sie hoffte mehr als je, daß ihre Tochter
Isabella bald die Verlobte des jungen Grafen werden würde.
Nach einem mutigen Kampf gegen den Grafen Gummizelle—Arn-
heim hatte sie es durchgesetzt, daß der junge Schloßherr neben
ihrer Tochter plaziert wurde.
Gras von der Gummizelle saß also neben seiner Dame und
war wieder in die tiefsinnigsten Probleme versenkt. Fräulein Isa-
bella fühlte sich daher verpflichtet, die Unterhaltung zu beginnen.
„Welcher Jubel hat über Ihre Rückkehr geherrscht, werther
Herr Vetter! Was mich betrifft, so habe ich Freudcnthriinen ge-
weint —"
„Machen Sie sich nur nicht naß!" flüsterte der Vetter ihr
zu, und nachdem sich Isabella überzeugt hatte, daß diese Worte
von Niemand gehört worden seien, behauptete sie, der Graf habe
ihr soeben eine Liebeserklärung ins Ohr geflüstert.
Da niemand den Gegenbeweis liefern konnte, so fand sogleich
unter allgemeiner freudiger Teilnahme die Verlobung statt. Nur
die Gnmmizelle—Arnheims protestirten, aber daran kehrte sich
niemand. Der Champagner war einmal da, und so mußte er
ausgetrunken werden. Vr.



Er lief die feuchten Straßen hindurch und dachte nur
immer: Es muß sein. Es kann unmöglich so weiter gehen.
Soll ich mich selbst morden, wo ich das Recht und die Kraft
habe, zu leben?
Dann trat er in ein Restaurant, verlangte Briefpapier
und Tinte und begann zu schreiben:
„Liebe Ilse!"
Daun machte er wieder eine Pause.
Wie beginnen? sann er. Wie es ihr beibringen,
schonend und doch energisch, unwiderruflich zugleich? Er biß
an dem Federhalter und sah sich in dem Lokale um. Einige
Tische von ihm entfernt ließ sich eine große, gut confervierte
Dame in Begleitung eines auffallend schönen, vielleicht
sechzehn Jahre alten Mädchens nieder. Etwas mißfiel ihm
an den Beiden, allein er wußte nicht, was es wär —
Und er schrieb weiter:
„Fasse Dich, Ilse. Wir müssen scheiden! Wie soll ich
Dir Alles sagen, wo sich mein Herz zusammenkrampft bei
dem Gedanken an Dein unverdientes Leid? Wirst Du mich
auch verstehen?
Du bist ja gut und verständig! Du weißt, daß ich
dem Ruhme nachjage und ihm meine Jugend geopfert habe,
daß ich leben muß, leben — leben!
Du weißt, wie ich Dich geliebt habe! Drei Jahre
haben wir so nebeneinander gelebt, und ich danke Dir sür
das schöne Glück, das Du mir geschenkt. Aber seit vielen
Monaten ist etwas zwischen uns getreten, ein Gespenst, wie
Du es nanntest. Du konntest Dir sein Wirken und Wühlen
nicht erklären.
Es kam mit dem Kinde. Das kleine Mädchen brachte
die Alltäglichkeit in unser Heim, und unsere so wilde Ehe
ist philiströs geworden. Die Geliebte starb durch die Mutter!
Und deßhalb müssen wir scheiden!
Ich brauche ja so viel Schönheit, wilde, sündige Schön-
heit und unbändige Liebe! Die Alltäglichkeit hat sich um
meine Seele geschlossen gleich einer eisernen Kette. Ich sehne
mich nach dem Leben wie der Sträfling nach Licht.
Es ist herzlos, grausam, was ich Dir sage, aber es
ist wahr; wolltest Du länger mit mir leben mit der Lüge
auf der Stirne?
Siehe, ich muß schaffen! Jede Empfindung, jeden
Hauch, den die Seele einatmet, jedes Bild, das ihr Auge
spiegelt, will ich formen können in zeugender Lust.
Und die Luft, die ich atme, erstickt mich. Die graue
Sorge in unserem Stübchen und das blasse Kind haben
meine Liebe getötet — soll auch meine Kraft noch sterben? —
Richte mich nicht, Ilse! Wenn wir uns in Jahren vielleicht
wieder sehen, wirst Du mir's danken, daß ich in Wahrheit
von Dir gegangen!
Ich will hinaus in das Leben als Zigeuner, wie Du
mich getroffen; und ich will genießen. Nur Genuß ist Em-
pfindung, und ohne Genuß kann keine Kunst geboren werden.
Als ich meiner Eltern Haus verließ, um die weiche Trägheit
mit dem Kampfe der wechselvollen Not zu vertauschen, da
sagte ich mir :
Die Segel gehißt und hinaus. Alles aufgeboteu, um
nit voller Ladung zurückzukehren. Und besser, im großen
Ozean draußen zu gründe zu gehen, als mir lächerlichem
Wrak in den Hafen zu laufen — schiffbrüchig.
Und ich stehe vor dem Schiffbruch, Ilse!" — —
Er wurde unterbrochen.

Wvief.
Von dem Tische her, wo die auffallende Frau mit
dem jungen Mädchen saß, schallte lautes Gelächter zu ihm
herüber.
Jetzt erst sah er, daß sich um den Tisch ein halbes
Dutzend Herren schaarte, mehr als zweifelhafte Geistes-
kinder, mehr als elegant gekleidet, die eine, wie es schien,
mehr als unfeine Unterhaltung führten.
Die Frau, deren Haar bereits meliert war, ließ ihre
herausfordernden Augen vom Einen zum Andern schweifen,
lächelte verständnisinnig, wo ein anzügliches Wort fiel, und
der Schenkel ihres Fußes lehnte sich an das Knie des neben
ihr sitzenden Kavaliers.
Die Mehrzahl der Herren beschäftigte sich jedoch mit
dem Mädchen.
Die Wangen des Kindes waren gerötet, vielleicht vor
Aufregung, vielleicht auch vor Scham. Ihre Augen hatten
noch einen unschuldig klaren Schmelz, die vollen Lippen aber
schienen das Küssen schon gelernt zu haben — —
Die Kavaliere standen und saßen, das Monocle einge-
klemmt, im Halbkreise umher und spähten nach dem Mädchen
wie Hunde nach einem Knochen.
Die Frau aber lachte-—
Schändlich, dachte er, das unschuldige Kind —
Dann schrieb er weiter:
„Ich will enden, Ilse. Gebe das Kind in eine An-
stalt. Sieh dann und wann nach ihm und erzähle ihm auch
von seinem Vater. Wir werden uns einmal wieder treffen im
Leben, Ilse, und dann wird Alles anders sein. Lebe wohl".
Er wollte den Brief zusammenfalten, als ein junger
Mann mit collegialem Gruße an seinen Tisch trat.
Es war ein langjähriger Freund.
„Darf ich Platz nehmen?"
„Aber gewiß".
Der Freund sah nach der Gruppe vis-L-vis.
„Komische Gesellschaft, was? So mußte es kommen!"
„Kennst Du sie?"
„Gewiß. Du nicht? Sie sind doch stadtbekannt.
Kannst Du Dich nicht mehr an den Grafen Montini er-
innern, der sich wegen Schulden erschossen hat?"
„Ja, dunkel".
„Die Aeltere da drüben war seine Geliebte; soll sogar
aus einer sehr ehrenwerten Familie stammen und hat ihn
gerne gehabt. Jetzt ist sie die schamloseste Mutter, die ich
je kennen gelernt".
„Ach, das ist ihre Tochter, die Kleine?"
„Aber wie konnte — —"
„Wie? Geld hinterließ er keines, und die Not versteht
keinen Spaß. Sie mußten leben, sie und das Kind. Und
Andere haben schließlich auch keinen schlechten Geschmack.
Jetzt wird sie alt', verdorben ist sie auch, nnn wird
die Tochter verkuppelt".
„Schändlich!"
„Was willst Du! Er war der Schuft!"
Der Sprecher nahm eine Zeitung vor und las.
Er starrte vor sich nieder, und eine große, schwere
Thräne rann ihm langsam über den Bart —
Dann hatte er überwunden.
Langsam, sorgfältig zerriß er den Brief.
„Was zerreißt Tu da?" frag dec .
„Oh, eine alte Abrechnung" antwortete er.
,,/r prnpos, ich heirate Ilse. Wirst Du mein Trau-
zeuge sein?" Ul-


Vom Sitzenbleiben.
Wer öei uns Deutschen sttzen öl'eivt
Wei einem Toast auf den Kaiser,
Der wird vom Staate einkogiert
In schivarz-meist-rote Käufer.
Sin Zeitungsschreiber nun statte stch
Das gleiche zu tstun vermessen,
Der ist öei einem Kaisertoast
— Denkt wie gemein — „gesessen'K


Ein Hunnenbmef.

In unserer Redaktion lief vor einigen Tagen der Brief eines russischen
Hunnen ein, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen:

Eben komme ich von einem Streifzug nach Hause. Wir erbeuteten sechs
Chinesenmännchen-, achtzehn Chinesenweibchen, dreinndzwanzig Junge, darunter
zwölf, die wir von der säugenden Brust nahmen. Ich sage Dir, wenn Du wüßtest,
lvie anständig wir gegen die gefangenen Chinesen verfahren, würdest Du ent-
rüstet den Kopf schütteln, daß wir uns gegen so gelbe Hunde so civilisatorisch
benehmen. Die Chinesen, die fast so lange Zöpfe tragen lvie unsere Staats-
anwälte in der Heimat, haben wir nicht einmal geköpft, was gewiß sehr an-
ständig war. Wir haben sie bloß gevierteilt, wobei die Bestien heulten, wie
eben nur Chinesen heulen können. Mit den Ueberbleibseln der Männchen haben
wir die Schlachtfelder gedüngt, weil solches für die nachkommende Brut sehr
vorteilhaft sein soll. Die Chinesenweibcheu haben wir noch viel anständiger
behandelt. Was wir mit ihnen gethan haben, darf ich hier nicht wiedergebcn,
weil unser Hauptmann gesagt hat, daß Kulturarbeiten nicht jedem Heuochsen
in der Heimat verständlich seien. Uebrigens halten diese Chinesenweibchen mich
schon gar nichts aus. Du, mein lieber Schatz, bist lauge nicht so zimperlich!
Denke Dir, beim zwanzigsten Mann der elften Kompagnie verfielen sie in
Krämpfe! Wir Huben uns totgelacht! Der Hauptmann meinte, die Bestien wüßten
nun wenigstens, wie ein bischen russische Kultur schmecke. Vielleicht Pflanzen
etliche von ihnen die CivilisaUon fort, doch glaube ich es nicht, weil sie sich
gar nicht mehr rührten. Ist überhaupt faules Gelichter, dieses Chinesenpack.
Die Kinder ließen wir Spießrnthen laufen, d. h. wir steckten sie an die
Bajonnette — nicht fest, so bis zum Nabel, und ließen sie vor uns herlaufeu.
Die haben Lungen, die Krabben! Aber mit Armen und Beinen haben sie
gezappelt, daß es eine Freude war! Hernach haben wir sie mit Branntwein
genährt! Warum man uns eigentlich Hunnen nennt, ist mir unbegreiflich. —
Als ob wir mit den eigentlichen Hunnen verwandt wären! Ich glaube gar nicht,
daß die so kulturell gehaust haben wie wir!
Du wirst spitzen, lieber Schatz, was ich Dir mitgebracht habe! Einen
Oelgötzen, ganz vergoldet, mit einer Fratze, ich sage Dir, unser Bezirksamtmann
hat sie nicht schöner als dieser Oelgötze. Dann seidene Unterröcke die
Chinesinnen tragen alle Unterröcke außen — Spitzenhöschen, Nachthemdchen
— eines habe ich sogar Persönlich benützt — Du wirst staunen, sage ich Dir, staunen! Wenn es Dich interessiert,
bringe ich Dir auch etliche gesalbte Totenschädel mit, die ich eigenhändig eingeschlagen habe. Du kannst
daran sehen, was ich für ein Kerl bin.
Doch genug für heute. Morgen stürmen wir ein chinesisches Nonnenkloster. Die telegraphischen
Siegesberichte werden eben abgefaßt. Kennst Du Schillers „Räuber?" Da kannst Du nachstndieren.
Immer der Deine
Maxim Russo Wit sch, chinesischer Kulturträger.


Der Affenspiegel: Redigiert und herausgegeben von Robert Hei) mann, Amalienstraße l8/II. Für die Redaktion verantwortlich: Valentin Karl, beide in München. — Druck und Verlag „Frührot" München.
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