Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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Eine wahre Geschichte aus den nebligen Gebieten.


Wie meinen Lesern bekannt ist, war ich vorige Woche ans einer Fahrt
in den Himmel begriffen. Das erste, was mir begegnete, war, wie schon ge-
sagt, ein großer -Ochse, den man daran erkannte, daß er keine Hörner trng
und eine uralte österreichische Ministerunisorm anhatte. Der alte Herr ging
eben am Rande des Himmels spazieren und beschäftigte sich damit, widerspenstige
Wolken zu glätten, als ich auf einem Fixsterne, den ich rot lackiert hatte, direkt vor
seinen Augen landete.
Metternich erschrack nicht wenig, und zwar nicht über mich, wohl aber über den
roten Stern, denn im Himmel sind alle Sterne gemäß einer Anordnung der
himmlischen Bezirksamtmannschaft weiß, höchstens blau, nie aber rot; selbst die
Sterne, die Metternich über dem Bauche trug, waren sämtliche schon blau geworden.
„He, alter Reaktionär" schrie ich, „eine blaue Bohne gefällig?"
Wie sich Metternich so loyal begrüßt sah, ließ sein Zittern nach und er
kam allmählich näher.
„Wo kommen Sie denn her?" fragte er unsicher.
„Direkt aus Österreich" log ich.
„Aus Oesterreich ?" staunte Metternich. „Existiert denn das Ländchen noch?"
„Das wollte ich meinen" antwortete ich, „sogar sehr!"
„Sind Sie schon vor 48 oder nachher abgereist?" fragte der alte
Ordensmann unsicher.
„Nachher, mein Lieber, lange nachher!"
„Ah, da müssen Sie mich ja kennen! Übrigens — haben sich die ver-
dammten Wiener das Revoltieren abgewöhnt?"
„Ach ja", sagte ich — hoffentlich habe ich nicht gelogen — „wenigstens
was so das eigentliche Revolvervolk ist. Im Reichsrate allerdings revoltiert
man noch gerne. — —"
„Prrr" — Metternich schüttelte sich — „wird auch geschossen?"
„Das nicht, aber geschimpft."
„Hm! Was sagt man denn?"
„Nicht viel — Alter Ochse, Rindvieh, Lümmel, Schafskopf —"
„Um Gotteswillen, schreien Sie nicht so!" meinte Metternich. „Wenn
Sie jemand hörte, könnte man glauben, Sie meinten mich."
„Aber wo werde ich denn — —"
„Nun ja, man weiß nicht. Es giebt hier oben weder Staatsanwälte
noch Denunzianten, und wo solche Anarchie herrscht, ist es für Staatsmänner
immer nicht recht geheuer."
„Da haben Sie recht," sagte ich, „deshalb wird man wohl auch aus
Erden so mit den Anarchisten aufräumen."
„Ah, giebts auf Erden auch Anarchisten?" frag Metternich.
„Ja," belehrte ich ihn, „aber man macht immer schnell unsterbliche Engel
ans ihnen."
„Gut so, ganz gut", meinte befriedigt der alte Ochse; „sagen Sie mal,
mein Lieber, da muß es ja jetzt für einen Staatskanzler viel angenehmer zu
wohnen sein als so nm 1848 herum?"
„DaZ_Will ich meinen . Euer Gnideu" —. ich bchi-lt selbst im Himmel
meine Höflichkeit bei — „Sie waren unter dem jetzigen Kurse sicherlich schon
Halbgott."
»Ach -"
„Na gewiß. Bloß die verflixten Sozialdemokraten —"
„Was ist das?" frug Metternich.
„Ach, das sind so Menschen, die absolut ihre Füße zum Kriechen
gebrauchen wollen, weil sie de» Bauch nicht für geeignet halten —
„Was Sie sagen! Es giebt also in Deutschland jetzt Leute, die nicht
auf dem Bauche kriechen?"
„Ach ja; aber wenig, sehr wenig!"
„Hm — und was triiben denn diese Menschen noch?"
„Ach, sie wollen, daß keiner einen dickeren Bauch habe als der andere —"
„Ne, so was!"
„Ja. lind teilen wollen Sie. Keiner soll mehr Geld haben als der
Andere —"
„Um Gottes Willen! Ja, wozu ist denn das Geld da? Und die
Minister, sollen die vielleicht dann Schwarzbrot fressen?"
„Nein, aber die Sozialisten wollen auch Anstern essen."
„Welche Prosanierung! Aber es ist doch Niemand so dumm, zu teilen!"
„Ne — Aber schließlich nehmen die schlechten Menschen den armen
Kapitalisten ihr Geld eben weg!"

„I wo", lächelte Metternich pfiffig, „das geht nicht. Das ist unmöglich !"
„Und warum. Euer Gnaden?"
„Wegen den Kanonen. Man hat doch noch Kanonen in Deutschland
nnd Österreich?"
„Das will ich meinen, und was für welche! Aber die genieren nicht."
„Oho!"
„Nein. Man macht die Sache vom Reichsrath aus."
„Der wird sich hüten —"
„Aber die sozialistischen Abgeordneten —"
„H-d"
„Man hat sozialdemokratische Abgeordnete im Reichstage!"
„Was? Im — sozia — — —"
Damit siel Metternich in Ohnmacht, weshalb wir das Gespräch nicht
fortsetzen konnten. Ich ging.
Kaum aber war ich zwanzig Schritte auf dem holprigen Pflaster ge-
gangen, als mir Metternich, der schnell zu sich kam, nachschrie:
„Und was thun denn die andern Abgeordneten?"
„Reden halten, Excellenz!"
„Sonst nichts?"
„Ach ja. Nebenbei beschäftigen sie sich mit Sittlichkeitsdelikten!"
Damit ging ich, und zwar immer gerade aus, iveil man im Himmel
nicht anders gehen kann. Zick-Zack-Wcge giebts dort nicht.
Eben wollte ich eine Straßenecke passieren, als unter einem Wegweiser
ein Mann hervortrat.
In Deutschland kennt man doch wenigstens die Gendarmen gleich; im
Himmel ist das aber nicht der Fall. Dieser Mann, der mich mit prüfenden
Blicken maß, war ein himmlischer Gensdarm. Meinem geübten Auge konnte
diese seine Eigenschaft nicht entgehen, denn wie ich sah, daß der Mann eine
gewisse zoologische Miene aussetzte, dachte ich mir sofort, daß das ein himmlischer
Gensdarm sein müsse.
Richtig; kaum war ich in seiner Nähe, als er mich anschrie:
„Halt, Sie, hiergeblieben! Im Namen." — das habe ich
überhört, in wessen Namen er mich andonnerte.
„Wer sind Sie?" frug er, ein Notizbuch seinen breiten Engels-Flügeln
— er hatte wahrhaftig welche — entnehmend.
„Ich bin ein Schriftsteller".
„Aha". Er ränsperte sich.
„Was suchen Sie hier?"
„Logis und freie Kost!"
„Da gehen Sie nach Preußen. Als Schriftsteller können Sie das dort sehr-
schnell haben. Im Himmel giebt es das nicht, propos — sind Sie etwa
gar — Sozialist?" >
„Ja, das weiß ich nicht genau", antwortete ich bescheiden, „aber ivohl
so was ähnliches".
,-Dad nnd Tritsel, und Sic wagen' sich in den
„Warum nicht. Ich bin sonst ein ganz anständiger Mensch!"
„Tragen wahrscheinlich auch Bomben bei sich?"
„Nur Stinkbomben, Herr Gensdarm!"
Das beruhigte ihn. Ich mußte aber trotzdem meine Taschen entleeren,
in denen selbstverständlich nichts zu finden war.
„Wovon leben Sie?" frug dann der himmlische Gensdarm weiter.
„Von meinen Einnahmen".
„Sie haben Einnahmen? In Deutschland? Als Schriftsteller?"
„Das will ich meinen!"
„Dann sind Sie nm Ende gar Major Laufs?" frag der Gcnsdarm, die
Hände an die Naht seiner weißen Unterhose legend.
„Das nicht".
„Wovon haben Sie denn daun Einnahmen?"
„Ich bin nebenbei chinesischer Missionär".
„Ach so! Ja, warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt! Haben
Sie Boxerköpfe bei sich?"
„Nein."
„Na, hören Sie, dann sind Sie aber kein richtiger Missionär"
Darauf war nichts zu erwiedern, denn der brave himmlische Gensdarm
hatte Recht. Ich überlegte also, wie ich weiterlügen solle, nnd wenn mir das
Richtige eingefallen, werde ich Euch weiter erzählen. N.

Schönheit.
Siehe, ich kniee vor Dir,
Siehe, ich bete zu Dir,
Leuchtende, strahlende Schönheit!
Du seit allen Äonen
Götter erzeugender Bronnen!
Du flammender Hauch
Der athmenden Ewigkeit!
Schönheit!
Schönheit!
Aus Deinem fruchtbaren Flammen-
schoß
Trieb der goldene Sonnensproß
Althellas Rultur —
Schenktest Du nicht
Deine heilige Gunst,
Dein hohes Gesicht
Dem phidias?
Hast Du nicht an geweihter Brust
Seinen brennenden Durst gestillt,
Daß er Dir schuf Dein ewiges Bild
In zeugender Luft —
Groß und erhaben —
Mit der Sehnsucht verzehrender cHual,
Mit der einstens Prometheus stahl
Das ewige Feuer der Götter?
Schönheit I
Schönheit!
Siehe, ich kniee vor Dir!
Siehe, ich bete zu Dir!
Gieb ein Zeichen dem Staubge-
bor'nen
Daß Du zum Jünger ihn er-
koren! — —

Wenige haben Dich je geseh'u,
Wenn auch tausende zu Dir fleh'n
Bist überall
Und doch ewig verborgen.
Vestalin heute —
Hetäre morgen.
Nur der Liebe heilige Frauen
Und Göttersöhne können Dich
schauen - —
Siehe, ich kniee vor Dir,
"Siehe, ich bele"zü"Dkr
Dir gilt all mein Schaffen und Leben,
Dir meine Liebe, mein ganzes Sein.
Dir meine Runst und mein heiliges
Streben,
Schönheit — Dein bin ich allein!
Siehe, ich baute Dir einen Altar
Mitten in brennende Rosentriebe,
Reusch wie die Sehnsucht, rein wie
Liebe
Baute ich Deine« Altar.
Reinen Tempel weiß wie Mond-
strahl,
Reinen schimmernden Marino:
prunksaal,
Wie die Hellenen in sonniger Zeit,
Die durch Deine Herrschaft ge-
weiht — —
Ein kleines Häuschen in dunkelndem
Hain,
Mit Fensterläden wie Blätter grün,
Und an den Wänden blühenden
Wein
Trauben, die wie Feuer glüh'u.


Usmksknriinvklon ttippe: Ißessgstt, v»ss isl rüvnn psssivsl? Ist ein
IVIoLvswsgen kesvkZriigl?
Stimme sus tßvm Publikum: Lin ltonrlukteun ist vom Sommerungen
gestürmt.

Ein kleines Häuschen,
Bei breiter Linde,
Und in dem Häuschen
Die Sünde —
Die Sünde vor Menschen
Dein liebstes Rind —
Die Liebe — —
Und als Priesterin waltet
Ihr schönstes Geschöpf —
Mit Augen heiß wie Rohlenglut
Und in den Adern das heißeste Blut
Mit Gliedern wie Ralliope,
Mit Brüsten stark wie Danaö --
Ihr Haar ist diek
Und lohend rot,
Wie die heißeste Glut,
Wie der brennendste Tod —
Schönheit! Siehe mein Apfer !
Offen stehen die Fenster der
Hütte — —
Und glühende Sonnen
Sinken und küssen
Die dürstende Welt.
Voll brennender Liebe
Ein blutender Bronnen
Woget rings das Ahrenfeld.
Und leise klingen
Die Abendglocken,
Und tragen den Frieden
Auf's Feld hinaus.
Schnitter und Schnitterinnen singe»
Ihr Abendlied
Und ziehen nachhaus —
Bekränzt mit Rosengewinden
Beten wir in Sünden,
In heißer Liebe und wildem Be-
gehr —
Siehe, ich kniee vor Dir,
Sie ich bete zu Dir —
Arm in Arm die Priesterin
Mit dem lechzenden Rünstler,
Dem die Sehnsucht den Durst nicht
stillte,
Laß sie finden Deine Gefilde,
Die in Harmonie erglühn,
Wo die Schwäne der Gottheit
zieh» —
Du bist die Tochter des ewigen Pan,
Doch wir seiner Sehnsucht Gebilde.

Liomdokutlinokloit' ßiipps: 80 'ns Lnsekksil!

Heyman».

Von Robert Heyman».


Heute ist ihr Geburtstag.
Und hente will sie es ihm gestehen.
Und sie sinnt und sinnt, wie sie es ihm sagen soll. Sie stellt sich seine Augen vor,
wie sür einen Augenblick das Licht aus ihnen schwinden wird und wie sich seine Lippen aus-
einanderpressen werden in stummem Schmerz. An sich selbst denkt sie gar nicht; nur immer an
ihn und an das große Weh der Enttäuschung.
Er hat ihr ja so viel Liebe und Glück geschenkt! Ihr knospendes, junges Herz hatte
sich aufgeschlossen unter seiner Liebe wie eine Blüte unter dem ersten Sonnenkusse des Frühlings.
Und sie! Sie kann ihm nichts schenken sür all die Schönheit und Lust.
Hente hat es ihr der Arzt verraten —
Das göttliche Opfer, das das Weib am ewigen Altar der Liebe bringen darf, der
milde Schein, der der Madonna um das blonde Hanpt leuchtet, soll ihr versagt bleibeu. — Ihr
Blick gleitet langsam durch das geöffnete Fenster hinaus in's Freie.
Durch die stillen Gürten geht die Herbstsonne, und wie eine scheidende Mutter liebkost
sie uoch einmal innig all ihre Blumen. Und ein weicher, lächelnder Strahl huscht ins Zimmer nnd
legt sich müde in den Schoß des jungen, traumverlorenen Weibes. —
Vom Korridor herein dringt ein leichter Männertritt. Eine tiefe Röte übergießt ihr
Gesicht, wie er eintritt, groß, schön, mit seinen lächelnden blauen Augen. Jetzt muß ich es ihm
sagen, denkt sie schaudernd.
„Nun, meine kleine Frau, wie geht es?" srägt er mit tiefer, wohlklingender Stimme.
Sie sieht zu ihm auf. Sie kennt diesen fragenden Blick, der sich täglich in ihre Augen senkt
mit stummer Frage: „Noch immer nicht?"
Und wieder schießt eine dicke Röte auf ihre Wangen, um gleich darauf einer elfenbein-
farbenen Blässe zu weichen.
Sie kann es nicht sagen — sie kann nicht — —
„Heute ist ja dein Geburtstag, Lieb! Ich gratuliere dir von ganzem Herzen. Und
weißt du auch, was ich dir wünsche?" Sie wendet das Gesicht ab, während ihr feiner Körper
zu zittern beginnt.
Draußen in den Gärten liegt die Dämmerung. Ihr feuchter Blick irrt durch das Dunkel.
Mit zarter Gewalt zieht er ihr Haupt zur Seite —-
„Thränen? Also doch schon? Bist du verraten, kleine Geheimthuerin?"
Sie antwortete nicht.
Die Qual ist fürchterlich, denkt sie; aber es muß sein. Doch da ist er schon zur Thüre draußen.
„Siehe, Else, Dein Geburtstagsgeschenk!"
Und er steht in dem Thürrahmen mit einem großen weißen Packet in den Armen.
Und sie will's nicht glauben — —
Kleine, winzige kleine Hemdchen nnd Häubchen mit zarten Spitzen und blauen Schleischen-
Müde steht sie auf.
„Else", ruft er lachend, doch sie ist schon hinter der Thüre verschwunden.
Wie schön, wie wunderbar schön ist sie in dieser keuschen Schamhaftigkeit, denkt er. Sie
will sich ihr großes Geheimnis nicht entreißen lassen! —
Sie aber liegt schon niit zerschmetterten Gliedern unten aus dem Piaster — — —

Liebste, butter, I^ätt'ste mir en berliner Anstatt so'n


lumpigen Äovalcen ?urn Vatern iesue^t, clann ^vär'n
mer jet^t nieli an^'exviesen worben.
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