Der Affenspiegel: satyrische Wochenschrift — 1901

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von Ludmilla von Rehren.


Wassilissa kam mit den fünf Kindern der Barabows
über die Straße. Den zweijährigen Modest führte sie an
der Hand, die anderen gingen voran. Alle Augenblicke
mußte sie rufen: „Iwan, lauf nicht so weit fort, du kannst
überfahren werden", oder: „Lisa, wie kann man nur seine
kleine Schwester kneifen?"
Dann mußte sie wieder stehen bleiben, weil eines der
Kinder aus irgend einem Grunde plötzlich weinte und zu ihr
lief, und sie mußte ihm die Nase putzen oder den Hut
zurecht rücken. Dazwischen plapperte der kleine Modest
unaufhörlich in seinem kindlichen Kauderwelsch. „Lisfa
Petrowna, wohin gehen all die Menschen? Lifsa Petrowna,
ich will auch einen so roten Kittel haben, wie Iwan,
Lisfa." und wenn sie nicht gleich antwortete, sing
er an, mit den Füßen zu strampeln, schrie und wollte sich
auf den Boden werfen.
Wassilissa war totmüde, als sie endlich im Alexauder-
garten ankamen. Der kurze Weg, den sie — wenn es nicht
regnete — täglich nachmittags von der Wohnung der
Barabows bis zum Garten mit den Kindern machte, war ihr
entsetzlich. Sie dankte Gott, wenn sie sich endlich auf eine
Bank setzen und die Kinder etwas sich selbst überlassen
konnte. —
Der Tag war schön und warm. Wassilissa öffnete ihr
Jakett, und während sie sich mit dem Taschentuche über das
erhitzte Gesicht fuhr, schaute sie sich um. - Bonnen, Kinder-
mädchen und Ammen . saßen unter den Bäumen auf den
Bänken. — Es waren viele blasse, müde Gesichter darunter,
wie das Wassilissas. Die Ammen nur waren frisch und
blühend; sie drehten sich kokett in ihrer bunten Tracht im
Sonnenscheine des schönen Maitages, daß die roten und
blauen Röcke nur so flogen und die Perlen auf dem Kokoschnik
uud am Halse blitzten. — Dazwischen spazierten durch das
Gewühl der Kinder und ihrer Wärterinnen junge Offiziere,
Studenten und Gymnasiasten, die mit den jungen Mädchen
kokettierten, und über all das bunte Gewimmel unter ihr
schaute ernst und streng das Standbild der großen Katharina
hinweg, auf den Newski hinaus.
Wassilissa war heute müder denn je. Sie hatte am
Abend vorher die Kinder baden müssen und daun hatte sie
noch bis spät in die Nacht hinein ihre Strümpfe und
Unterkleider ausgebessert. — Sie schlief mit den drei
Kleinsten zusammen, die alle Augenblicke in der Nacht etwas
brauchten und so harte sie in der ganzen Nacht wieder
einmal kein Auge zugethan. —
Die Luft war so warm und der Schlaf wollte sie jetzt
immer wieder übermannen. Aber mit aller Gewalt riß sie
die Augen immer wieder auf — — sie mußte ja nach den
Kindern sehen! War es doch schon vorgekommen, daß Iwan
fortgelanfen war und einen halben Tag ausblieb. Mit großer
Blühe hatte man ihn wieder gesunden und die Unannehmlich-
keiten, die sie damals gehabt hatte! Fast hatte es sie die
Stellung gekostet!
Sie sah jetzt, wie der wilde Iwan den kleinen Modest
aus die Erde warf. Das Kind fiel mit dem Kopfe auf
einen Stein und schrie, wie wenn es am Spieße stäke.
Wassilissa lief zu ihm hin, und während sie es aufrichtete, sah
sie, daß Iwan fortlief, dem Newski zu. Sie mußte ihm
durch den ganzen Garten nachlaufen und ihn mit Gewalt
znrückbringen. Keuchend kehrte sie dann wieder zu ihrer
Bank zurück, heftig hustend. Sie hustete überhaupt seit
längerer Zeit, und die Brust that ihr bei jeder Anstrengung
wehe.
„Wie heiß es heute ist!" seufzte neben ihr eine Stimme.
Ein hageres, ärmlich gekleidetes älteres Mädchen setzte sich
neben sie. Drei niedliche kleine Mädchen waren mit ihr
gekommen und liefen jetzt zu den anderen Kindern.
„Heiß, heiß", wiederholte die Fremde und fächelte sich
mit dem Taschentuch Kühlung zu, während ihre grellen
schwarzen Augen Wassilissa neugierig anstarrten.
„Ja, es ist sehr warm", erwiderte Wassilissa, um etwas
zu sagen, und rückte ein wenig weiter; die andere war ihr
unsympathisch.
„Sie sind auch wohl mit Kindern hier?" fragte die
Fremde nach einer Pause in schlechtem Russisch.
„Ja", sagte Wassilissa kurz.
„Meine Kinder haben Sie doch gesehen?" fuhr die
andere fort. „Es sind ganz liebe Dinger — nun ja,
manchmal trifft man auch solche. Die meisten sind schlecht;
ungezogen und verwöhnt. Ach ja, es ist nicht leicht!"
Sie seufzte tief und Thrünen traten ihr in die Augen.
Hastig wischte sie sie mit dem Tuche fort.
Wassilissa fühlte Mitleid mit ihr. „Sie haben Kummer?"
fragte sie teilnehmend.
Die andere lachte bitter. „Kummer? jaso, wenn
unsereins Kummer haben darf. Aber leider — noch ist
nicht alles ausgetrocknet da drinnen!" Ihre Hand deutete
auf die Brust. „Sie sind ja noch jung, da geht es leichter;
aver wenn man älter wird und immer dasselbe einerlei vor

sich sieht: ungezogene Kinder, Beleidigungen, Demütigungen —
und nicht die geringste Aussicht auf Besserung. . . . " Sie
stockte und fuhr dann fort: „Ich spreche schlecht Russisch,
nicht war?"
„O nein, ich kann alles sehr gut verstehen", sagte
Wassilissa. Sie fühlte jetzt Interesse für die Andere.
„Ich bin Französin — aus Paris!" Die Augen des
alten Mädchens leuchteten.
„Wie sind Sie' denn dazu gekommen, Bonne zu
werden?" fragte sie unvermittelt.
„Ich, o — —" Wassilissa fand die Frage etwas
zudringlich, aber sie beantwortete sie doch. „Mein Vater
starb — er war Tschinownick (Beamter) — die Mutter
lebt noch, von einer ganz kleinen Pension. Und da — da
konnte ich ihr nicht zur Last fallen. Zu etwas Besserem
hatte ich nicht Kenntnisse genug und in ein Geschäft gehen
--—- was bekommt z. B. solch eine Kassiererin? Zwanzig
Rubel monatlich, mehr nicht, nnd als Bonne habe ich doch
noch wenigstens das Brot". Sie hustete und hielt das
Taschentuch vor den Mund. Der viele Staub, den die
Kinder beim Spielen aufwnhlten, drang ihr in die Kehle.
„Sehen Sie, Sie husten auch schon", sagte die
Französin mit förmlicher Genugthuung nnd legte mit einer
leidenden Gebärde die Hand auf die Brust. „Noch wird
es bei Ihnen ja nicht so weit sein, wie bei mir, noch wäre
Hilfe möglich, aber wer hilft? — Ja, ich bin auch in
Stellung gegangen, weil ich meiner Mutter nicht zur Last
fallen wollte, und ehrbar wollte ich bleiben. Ehrbar!" Sie
lachte heiser. „Was habe ich nun davon? Was kauft mau
sich für die ganze Ehrbarkeit? Sie können es mir glauben,
ich war sehr schön einmal, und wenn ich gewollt hätte. . .
aber als ich klug geworden war, da war es schon zu spät,
da war ich durch den Jammer garstig geworden. Wenn ich
noch Ihre Jahre hätte und ihr Gesicht — ich wäre die
längste Zeit Bonne gewesen. Leben wollte ich frei und
froh und leichtsinnig und dann — meinetwegen ein Sprung
ins Wasser. Immer besser, als solch ein Leben".
Sie mußte heftig husten, so daß ihr ganzer Körper zitterte.
Eines der kleinen Mädchen war hingefallen und weinte.
Die Französin stand auf und ging zu ihm, um es aufzuheben.
Daun ging sie mit dem Kinde an einen anderen Platz, um
es vom Staube zu säubern.
Wassitissa saß ganz starr da und sah ihr nach, wie sie
so dahinschlich, mühsam und elend, — in dem häßlichen,
fadenscheinigen Kleide.
War das wirklich das Bild ihrer eigenen Zukunft?
Ja, so würde es kommen. — Auch sie würde immer
brustleidender werden bei der Quälerei mit den Kindern,
bis sie zusammeubrach und ins Krankenhaus gebracht würde.
Dann stürbe sie dort vielleicht und würde begraben — ohne
Sang und Klang. Und sie war doch erst zwanzig Jahre
alt und hübsch. Ihr Spiegel sagte es ihr täglich nnd die
Blicke der Männer aus der Straße.
Ja, die Französin hatte Recht; lieber leben, frei uud
leichtsinnig und dann sterben, als so. Noch war
es Zeit ....
Nnd sie saß da; in seltsame Gedanken versunken. Ihre
bleichen Wangen röteten sich und ihre Brust hob sich höher. —
Die Glocken der Kasanschen Kathedrale fingen plötzlich
an zu läuten. Erst die große Glocke — dumpf und dröhnend,
und dann mischte sich hell der Klang der kleinen hinein.
Es war Sonnabend und sechs Uhr nachmittags.
Wassilissa schrack empor. Schon sechs Uhr-
Da mußte sie schnell nach Hanse. — Hastig stand sie auf.
Ein junger Mann in der Uniform der russischen Studenten,
der nicht weit von ihr ans einer Bank gesessen und sie
betrachtet hatte, erhob sich gleichfalls. Ihre Blicke begegneten
sich und Wassilissa errötete leicht.
Sie kannte ihn sehr gut, diesen Studenten. Er war
ebenfalls täglich um die Zeit im Alexandergarten, in der sie
mit den Kindern dort saß, und mehrmals schon hatte er sie
augeredet und einmal.was hatte er da gesagt? Ob
sie ihn denn niemals ein bischen gern haben könnte und ob
sie nicht mit ihm gehen wolle, um frei zu leben, froh und
frei. Sie hatte ihm damals den Rücken gekehrt, aber
heute ....... Traumverloren starrte sie ihn an.
Er kam auf sie zu. Und während er sie grüßte, ruhten
seine heißen Augen auf ihr, und im Vorbeigehen sagte er
halblaut, wie wenn er zu einem ganz anderen sprechen würde:
„Kann ich Sie denn wirklich nie allein sprechen, wirklich nie?"
Sie hatte ihn verstanden. — Und sie antwortete, halb
mechanisch:
„Heute Abend neun Uhr werde ich beim Alexander-
Theater sein".
Seine Augen leuchteten jäh auf. Er drehte sich hastig
um, streckte die Hände aus und sie legte, ebenso mechanisch,
wie sie ihm geantwortet, die ihren hinein.
„Bestimmt?" fragte er leise und: „Ja, ich komme!"
antwortete sie ebenso. Dann rief sie die Kinder und zog

sie mit sich fort, hastig und ungestüm. Modest schrie und wollte
nicht nach Hause und Lisa hatte sich über und über beschmutzt.
Wassilissa achtete nicht daraus. Etwas fremdes, wildes war über
sie gekommen. Sie stieß die Kinder und schrie sie zornig an. Sie
konnte die Zeit nicht erwarten, da sie zu Hause sein würde. Mit
welchem Vergnügen wollte sie Frau Barabow, ihrer Quäleriu, sagen:

„Ich gehe! Ich gehe heute noch!" Uud wenn sie versuchen würde,
sie zu halten. Ein Wahnsinnniger Zorn. im Bewußtsein
all dessen, was sie erduldet, bäumte sich in ihr auf. Uud Wassilissa
ballte die Faust und so hastete sie vorwärts, bleich, mit funkelnden
Augen uud heftig atmender Brust.

USLinlLSlri» vom LAISAS.


„kn bommt! kn iroinintt" — «lsn Lug tsknt «in —
ks »toben «lnoi ltlonsvbon in «sntonilon Pein —
„0s ist vn!" — Aus «lon, Lug« stoigt
kin s»un«lon koutonsnt, sokinonugobeugt —
Un«l sokon kslt ibn «Ion Vston «nit rittonnilen Ssn«> -
„lllkilllroininon, n,«!n Sokn, in, Vstvnlsn«!!"
M« tllutton svbluokut, un«l «No blonil« Snsut
lkin i»nin«n nun still in «No Augen svbsut.
Un«> «Isnn gobn sie, «No Nonson voll Jubol unii Kiitol«;
kin l-soboin louvbtot sus seinen, Vlivb —
Lun selben Leit stoigt sus «lon Sskn
kin n»b«lon, niit dlsnbon deiloobton ltlsnn.

Vie wunilo Stinn unisvkliosst ein Vonksnkl,
llss noobto Sein blieb in, toiniNiokon ksnä.
von siebt un«> svbsut in, ltnoiso uniken,
Un«> siebt nivkt, «lsss «len Ssknkot svkon loon,
Un«> glsubt nivbt, «lsss nieinsnil sn ibn gerlsvkt,
vsss nisinsnil ibn, einen Vnuss godnsobt
ks ist ein sninon, svklivbton Sollst,
Von lrein ltlüttenoken n,vbn un«l lrein l-iekvken bst —
kn stsn«> van «len, kein«! un«1 sie kstten bei«, Snot
Sie stunden wobl boi«lo in kittensten dlot. —
ltsvbt wsn's sekon, als en sieb tontbogsb,
Unü «ls ging en un«> tnug sll sein Sotten su 6nsb-

Der Affenspiegel: Redigiert und herausgegeben von Robert Heymann, Amalienstraße 18/11. Für die Redaktion verantwortlich: Valentin Karl, beide in München. — Druck und Verlag „Frührot" München.
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