Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 43.1918

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Geometrische Stiie in Griecheniand 113
Metopen zu einem hypotaktisch geordneten, nach Quantität und Betonung
rhythmisch gegliederten Ganzen zusammen. Diesem Bestreben, einen ein-
heitlichen Zusammenhang der Glieder über die ganze Fläche hin herzu-
stellen, kommt eine gleichzeitige Anregung der Inselstile zu Hilfe, in
deren Ausbildung tektonische Gedanken mitgewirkt hatten. Erfahrungen
aus anderen Gebieten künstlerischer Synthese, vielleicht am ehesten vom
Holzbau, der dort beobachtete Sinn der Teile in Bezug auf den ganzen
Bau werden auf die abstrakte Dekoration, auf das Verhältnis von Feld
und Fläche übertragen. Überall auf dem Festland entsteht ein pseudo-
tektonischer Dekorationsstil; der Höhepunkt der Hypotaxe ist in diesen
Scheinkonstruktionen erreicht. Von hier ab zeigt sich nur noch eine immer
weiter vorschreitende Lockerung des festen Zusammenhalts, eine wachsende
Verdunkelung des ursprünglich unterlegten tektonischen Sinns, bis schließ-
lich das rücksichtslos sich ausbreitende mittlere Hauptfeld den Rahmen
sprengt und dessen weithin verschlagene Glieder nur noch in Besonder-
heiten ihrer Form ihre einstige Bedeutung verraten. Von reiner K o -
ordination zu vollständiger Subordination und von dort
zur Emanzipation der Teile, das ist der Weg, den die Flächen-
teilung der geometrischen Stile Griechenlands innerhalb zweier Jahr-
hunderte durchmißt.
Der Vergleich mit einem ähnlichen Vorgang in ganz anderer Zeit
drängt sich hier fast von selbst auf: mit dem Entwicklungsgang der
pompejanischen Wandmalerei vom ersten bis zum dritten Stil. War der
frühe Dipylonstil nach Entstehung und Natur ein abstrakter Dekorations-
stil gewesen, so verlangten dort die großen, architektonisch wenig ge-
gliederten Wände, sobald man einmal des eintönigen Nebeneinanders
verschieden gefärbter Verkleidungsplatten im ersten Inkrustationsstil
überdrüssig geworden war, gebieterisch nach einem solchen. Den Inhalt
liefert wieder eine Schwesterkunst der Malerei, die Architektur. Die
Wände überziehen sich mit großartigen Scheinfassaden, ln den geo-
metrischen Stilen der Griechen diente die Übernahme tektonischer Ge-
danken dazu, die Fläche aus ihren Teilen aufzubauen und sie durch diese
Scheinkonstruktion zu versinnlichen. Hier, auf dem Höhepunkt einer
unendlich reichen und vielseitigen Kultur, in einer Welt, die schon durch
alle Formen ästhetischen Genusses hindurchgegangen ist, führt alles zur
Auflösung der Fläche, wird alles zu einem virtuosen Spiel kühner Bau-
Athen. Mitteilungen XXXXIII 1918 8

Vergleich
mit der
Entwick-
lung vom
1. bis 3.
pompeja-
nischen
Stil
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