Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 43.1918

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Bernhard Schweitzer

^ Entwicklung der Formen, in denen diese beiden Grundan-
erschei- schauungen einer fortschreitenden Verwirklichung zustreben, sich
gegenseitig durchdringen und so einen immer vollwertigeren Ausdruck
für das psychische Erleben schaffen, ist die Geschichte der bildenden Kunst.
Schon in den ersten Anfängen einer Wiedergabe des Gesehenen durch
Umrißlinien in der Fläche oder durch leichte Erhöhung des Darstellungs-
gegenstandes über den Grund muß sich das 'plastische' Schauen vom
'malerischen' unterscheiden. Es greift die Einzelerscheinung aus dem
Unendlichen heraus, es konzentriert sein Interesse auf die Verdeutlichung
ihrer Individualität, es i s o 1 i e r t. Der malerische Sinn begreift dagegen
das Einzelne nur im Zusammenhang des Ganzen, die Bildfläche mit ihren
klaren Ausmaßen liefert ihm die Möglichkeit, die verwirrende Fülle der
Erscheinungen auf einen optisch verständlichen Ausdruck zu reduzieren,
er g r u p p i e r t ^). Auch die Verwandlung der Fläche in einen schein-
baren Tiefenraum mit Hilfe der Perspektive in der Malerei ist nur ein
weiterer Schritt zur sinnfälligen Verbindung der Gegenstände in der
Fläche. Die Relationen der Teilformen sind in der 'Plastik' also ledig-
lich i n n e r r ä u m 1 i c h , diese sind im günstigsten Falle durch ihr
Verhältnis zu dem ganzen, ringsum abgeschlossenen 'plastischen' Gebilde
erschöpfend bestimmt, während in der Malerei die a u ß e n r ä u m -
liehen Beziehungen, diejenigen zur Fläche, gegenüber allen unter-
geordneten formalen Beziehungen den Ausschlag geben. Jene werden,
namentlich wo noch das Prinzip der Isolation auch auf die einzelnen Teile
ausgedehnt ist, überall die charakteristische Silhouette bevorzugen, die
Malerei wird sie als ein den Zusammenhang der Erscheinungen zer-
reißendes Element meiden. Mittel der 'plastischen' Grenzbestimmung
ist im Raum die Fläche, in der Fläche die Linie, 'die gleichmäßige,
feste und klare Begrenzung der Körper, die dem Beschauer eine Sicher-
heit gibt, als ob er sie mit dem Finger abtasten könnte' (Wölfflin, a. a.
0. 23), und eine unüberbrückbare Scheidung bewirkt zwischen dem
gegenständlich und künstlerisch Bedeutsamen und dem neutralen Raum.
sittliche Bindung des Einzeinen. Hier führt die Malerei. Der griechische Gott,
eine machtvolle, geschlossene Individualität ausser uns und gleich uns, wird
in vollplastischer Gestalt verehrt, die mittelalterliche Gottesidee, eine geistige,
wirkende Macht in uns, in gemalten Bilderzyklen.
i) Wiederum unterscheidet die Sprache sehr fein, indem sie von einer
'malerischen Gruppe' redet.
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