Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 44.1919

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Gottfried v. Lücken

Zeit zeigen das besonders zwei Skuipturen: der blonde Ephebenkopi ')
und der 'Kritiosjüngling'S) gehören beide zu den entwickeltesten atti-
schen Bildwerken unserer Epoche, müssen also annähernd gleichzeitig sein.
Und doch kann man sich keine größeren Gegensätze vorstellen.
Man merkt dem Kopf der Statue die fleißige Arbeit an. Exakt sind
alle Details gegeben, sodaß sie oft kleinlich wirken. Wie die Haare
unter dem Zopf und an der Schläfe herauskommen, die kleinsten Formen
der Ohrmuschel, alles ist genau beobachtet, und doch will an dem Ganzen
das Wesentliche der Form nicht recht sprechen. An einer für den Bau
des Schädels sehr wichtigen Stelle, der Rundung am Backenknochen,
ist die Form nicht klar. Eine unbestimmte Weichheit liegt über dem
Ganzen.
Es ist, als ob das Gefühl für Schönheit bei dem blonden Epheben
aus einem tieferen Quell strömte. Kleine, nichtssagende Details kümmern
den Künstler nicht, ln großen, ruhigen Flächen ist das Ganze angelegt.
Aber an den Stellen, die für den Ausdruck wichtig sind, sind alle Mitte!
angewandt. Das Spiel der Fältchen um die Lippen und an den Mund
winkeln geht über alles hinaus, was die Kunst bis dahin gewagt hat.
Der andere Kopf gibt beide Lippen gleich breit und schwer, hier ist ein
Unterschied gemacht zwischen der feinen, schmalen Oberlippe und der
schlaff herabhängenden Unterlippe. Obwohl der Bau des Schädels überall
klar herauskommt, sind die Übergänge doch weich und mild, hier sitzt
nicht mehr wie bei der anderen Skulptur zwischen Hals und Kopf ein
tiefer Schatten.
Die gleichen Gegensätze lassen sich auch in der Vasenmalerei nach-
weisen. Der Jüngling auf dem Innenbild der Wiener Waffenstreitschale
des Duris (Tat. Hl 14) hat einen ganz ähnlichen Gesichtstypus wie die
Statue mit ihrem schweren breiten Kinn, dem auffallend kleinen Mund
und den etwas vollen, unbestimmten Formen. Der Ansatz des Kopfes
an den Hals ist hier wie dort scharf charakterisiert. Auch die müh-
same, fast ängstliche Art der Mache ist sehr verwandt.

i) Dickins, Cataiogue 689; Perrot-Chipiez VHI Tat. 14; Brunn-Bruck-
mann Taf. 460; Schräder, Auswahi Abb. 60.
'h Dickins, Cataiogue 698; Brunn-Bruckmann Taf. 461 b; Schräder,
Archaische Marmorskuipturen Abb. 48; ders., Auswahi Abb. 58 Taf. 16, 17.
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