Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 44.1919

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Gottfried v. Lücken

Den Ägyptern ist die ruhende Form am sich Zweck, sie haben das Spiei
der Muskeln kaum beobachtet. Wenn sie aufrechte Gestalten schufen,
hefteten sie diese an einen Pfeiler, so daß sie nicht freibewegt dastanden.
Und die Monume.ntalkunst hatte eine große Vorliebe für in völliger Ruhe
dasitzende Gestalten, ln Griechenland, besonders im Mutterland, ist die
Zahl der Sitzfiguren verhältnismäßig weit geringer. Die Stehenden werden
von den Pfeilern im Rücken befreit, und schon bei den frühesten Apoliines,
wie den Polymedesfiguren in Delphi, sind die Muskeln und Gelenke, die
Organe, die die Funktion betonen, mit besonderer Liebe beobachtet. Die
Form interessiert auch als Ausdruck der dahinter ruhenden Kräfte.
Man sollte meinen, dieser Sinn für Bewegung und Leben, der sich
hier in seinen Keimen zeigt, hätte bald die alten starren Schemata durch-
brechen und eine Menge neuer Motive schaffen müssen. Aber die Plastik
dieser Zeit ist schwerfällig und steril in ihren Schöpfungen und hat nicht
die leichte Beweglichkeit der Malerei. So mußte es naheliegen, daß sie
sich von ihr beeinflussen ließ und bei der Schwesterkunst Anleihen machte,
ln der Tat ist das bei dem Knielaufschema, dem einzigen Typus, in dem
die frühe griechische Plastik über das Repertoire der ägyptischen Kunst
vollständig hinausgeht, geschehen. Dieses Schema zeigt die charakteri-
stischen Merkmale des Flächenstils (s. unten S. 127f.), in dem alle Glieder
in der für sie bezeichnenden breitesten Ansicht ohne Rücksicht auf den
organischen Zusammenhang in einer Ebene gegeben sind. Und da für
das Knielaufschema die Priorität der Malerei über die Plastik sicher
ist i), wird man die Ansicht, es handele sich hier um eine Übertragung
von der Malerei in die Plastik 2), wohl annehmen dürfen.
Mit besonderer Vorliebe stellte die Malerei dämonische Wesen in
i) Frühe Beispiel des schon in der ägyptischen Fiächenkunst vorkom-
menden Knielaufs: protokorinthisch (A. J. A. 2. Ser. IV 1900 Taf. 5), korinthisch
(Münchner Studien f. Furtwängier 270), Schüssel von Ägina (Arch. Ztg. XXXX
1882 Taf. 9), Netosamphora (Ant. Denkm. f 57). Für die freie Großplastik
ist die Nike von Delos, mit der man weit in das VI. Jahrhundert hinaufgehen
muß, das früheste Beispiel (E. Schmidt, Münch. Stud. 331; Winter, AM. XI11
1888, 125). Über das Hochrelief s. unten S. 131.
h Studniczka, Neue Jahrb. f. d. kiass. Altertum 1 1898 1 382; Deila Seta,
Memorie d. Line. 1906, 201; Lange, Darstellung des Menschen in der älteren
griechischen Kunst, 62. Über das Knielaufschema im allgemeinen E. Curtius
Gesammelte Abhandlungen 11 116; Petersen, AM. XI 1886, 372; E. Schmidt,
Münchner Studien 253.
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