Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 44.1919

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Archaische griechische Vasertmaierei und Piastik

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gekommen und habe der Malerei die Körperlichkeit der Piastik über-
tragen, indem es sie die Verkürzung und die Drei Viertelansicht lehrte.
Die Plastik aber habe durch seine Vermittelung die Motive der Malerei
erhalten.
Mit dem Relief soll nämlich eine besondere Art der Plastik Zusammen-
gehen, die 'scultura disegnativa' *), die stärker bewegt ist als die übrige
Skulptur, die 'scultura di prospetto', und die Eigentümlichkeiten des
Flächenstils zeigt. Noch der myronische Diskoboi sei ein Beispiel der
zeichnerischen Plastik. Bis weit in das V. Jahrhundert hinein dauere es,
daß beide Arten von Skulptur nebeneinander existieren. Der Ruhm
Polyklets besteht nach Deila Seta nicht darin, daß er das 'uno crure
insistere' erfunden habe, das taten schon der blitzschleudernde Zeus und
die Promachos (so S. 86), Polyklet hat das Motiv nur zum erstenmal von
der 'scultura disegnativa' in die 'scultura di prospetto' übertragen. Diese
ganze Einteilung der Freiplastik in zwei verschiedene Arten ist viel zu
künstlich, um wirklich Wert zu haben.
Aber daß die Plastik ihre Motive von den Giebelskulpturen über-
nommen hat, wäre möglich; schon Julius Langehatte das ja ange-
nommen. Doch spricht folgendes dagegen: Besonders häufig sind in der
griechischen Plastik der ersten Hälfte des V. Jahrhunderts Darstellungen
von Gestalten, die mit gebeugtem Knie und geneigtem Kopf in gelöster
Haltung dastehen, als erholten sie sich etwas, ln den uns erhaltenen
Giebelskulpturen finden wir solche Figuren vor Olympia nirgends. Außer-
dem zeigt gerade diejenige Gattung der Skulptur, die mit dem Hoch-
relief die wenigsten Berührungspunkte hat, die Bronzeplastik, in der
Frühzeit die meisten Bewegungsdarstellungen.
Die Wiedergabe der Dreiviertelansicht dagegen erfordert im Hoch-
relief und in der Malerei so verschiedene Verfahren, daß nicht recht
einzusehen ist, wie sie sich vom Relief in die Malerei übertragen haben
soll. Außerdem war sie mit dem stärkeren Relief in keiner Weise gegeben.
Die griechischen Künstler wußten, wie Deila Seta selbst ausführt, anfangs

Ü im übrigen kann auf die etwas wunderliche Terminologie Deila Setas,
die so verschiedene Dinge wie die Frontalität und die planimetrische Dar-
stellungsweise der primitiven Malerei auf einen Ausdruck — Parallclismus' —
bringen will, hier nicht eingegangen werden.
b Die Darstellung des Menschen in der älteren griechischen Kunst 64.
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