Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 44.1919

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Archaische griechische Vasenmaierei und Piastik

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berührt zu werden. Es scheinen uns fremde Wesen zu sein, die mit unserer
Lebensart nichts zu tun haben.
Ganz anders die Gestalten aus der ersten Hälfte des V. Jahrhunderts.
Die zahlreichen Apollostatuen dieser Zeit, um nur einige Beispiele zu
nennen, sind sich alle darin gleich, daß sie von der Starrheit ihrer Vor-
gänger befreit, in einer lebendigen Bewegung dastehen, die sich dem Be-
schauer mitteilt. Wir nehmen Anteil an dem Erleben der Gestalt und
versetzen uns in das, was in ihr vorgeht. Dadurch, daß ein Moment des
bewegten Lebens dargestellt ist, bringt sich die Gestalt in ganz anderer
Weise als bisher in Beziehung zu dem Beschauer. Wir fühlen den Lebens-
vorgang mit. Jetzt ist der fixierende Blick, mit dem uns die Gestalt in
ihren Bann zwingt, nicht mehr nötig. Durch das Motiv i) zieht das
Bildwerk den Beschauer dazu heran, das Leben und die Bewegung, die
sie durchströmen, mit zu empfinden. An die Stelle der suggestiven
Wirkung, mit der die früheren Gestalten unsere Aufmerksamkeit auf
sich zogen, ist der feinere Reiz des Miterlebens getreten. Ebenso wie
die Malerei will die Plastik jetzt nicht nur Ding-, sondern auch Vorgangs-
gefühle wachrufen.
Auch die starre Richtung nach vorn geben die Bildhauer jetzt auf.
Wie stark die frühen Apollines die Tiefenbewegung betonen, haben wir
eben gesehen. Ähnliches finden wir bei den archaischen weiblichen
Standfiguren. Auch bei ihnen ist alles auf den Beschauer zu komponiert.
Besonders der bei den entwickelteren Figuren stets vorgestreckte Arm
betont die Bewegung von vorn nach hinten mit solchem Nachdruck,
daß die Tiefe mit fast quälender Intensität zum Ausdruck kommt.
Von so aufdringlicher Betonung der dritten Dimension wissen die
Gestalten des V. Jahrhunderts in der Plastik nichts mehr. Auch- hier
nähert man sich jetzt der in der Malerei üblichen Auffassung. Die ganze
Gestalt entfaltet ihre Bewegung in einer Flächenschicht von geringem
Tiefenmaße. Die Künstler benutzen die Beweglichkeit der Glieder dazu,
die Richtung der Gestalten seitwärts zu wenden. Die Athena Lemnia
und die myronische Athena, der Münchener Diomedes und der Diadu-
menos des Polyklet nehmen einen Raum von geringer Tiefe in Anspruch
und entfalten sich in ihrer Bewegung hauptsächlich zur Seite, wie das

') Schmarsow, Piastik, Maierei und Reiiefkunst 67.
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