Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

Page: 125
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1911, li.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Seite 125.


Skizze für eine kleine
Bergkirche.

Architekt: Oskar Isler-Abegg
in Talwil.

Baukunst ersteht aus ihren primitivsten Äußerungen zu unzweifel-
haft rhythmischen Gebilden, bei denen die reguläre Grundform,
die Symmetrie und die rhythmische Reihung der Einzelteile von
Anfang an vorhanden sind. Die Sprache aller jungen Völker ist
gebunden und rhythmisch. Die Form ist bei ihr wichtiger als
der scharf umrissene Gedankenausdruck. Das Drama, das sich
aus dem Tanze der Urvölker ent-

Schöpfer in ihr Gehirn gesetzt hat, walten zu lassen, sondern
gewissermaßen aus ihrem eigenen Selbst herauszutreten und
etwas Äußeres, etwas Akzidentelles nachzuahmen. Dieser erste
Schritt der Zerstörung der Form ist von großer Bedeutung für
den ganzen folgenden Verlauf der Architektur. Von ihr
bröckelten von da an mehr und mehr Teile ab. Das mensch-
liche Gehirn konnte die kosmischen Bildungsgesetze, die ihm
vom Schöpfer eingeimpft waren, nicht mehr Zusammenhalten.
Die Sentimentalität und andere Motive drangen ein und ge-
wannen Überhand über das Formgefühl. Es dauerte nicht
lange, so kam in den Köpfen eine Überzeugung ins Wanken,
die bis dahin felsenfest gestanden hatte: die Selbstverständlich-
keit der herrschenden architektonischen Ausdrucksweise. Der
Romantizismus, der sich schon um die Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts in den Schwärmereien bekundete, die die pseudo-
ossianischen Oden auslösten, zog mitten in einer Zeit, in der
noch die fest und sicher gefügte Architektur der nachklassischen
Zeit eine schöne Herrschaft ausübte, die mittelalterliche Bau-
weise in die Diskussion. Zugleich entdeckte der kunstgeschicht-
liche Forschungseifer die sogenannten wahren Formen der
griechischen Kunst. Die kunstgeschichtliche Erkenntnisarbeit
verscheuchte die Architektur. Diese geriet durch die Zweifel
an ihr selbst ins Wanken, zumal jetzt die geistigen Kräfte der
Zeit, in Deutschland wenigstens, von der aufsteigenden lite-
rarischen Welle aufgesogen wurden. Und hier bereits liegt der
Beginn für jenes in der Geschichte einzig dastehende Schau-
spiel, das uns die Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts
bieten, in denen die Architekten überhaupt keine Überzeugung
mehr hatten, sondern sich zur Niederschrift archäologischer
Diktate mißbrauchen ließen. Sie gaben vor, sämtliche von der
Kunstgeschichte festgestellten Stile reproduzieren zu können.
So drang die Zersetzung in die Architektur selbst ein, und
ihr Niedergang war um so natürlicher, als, wie schon berührt,
auch die allgemeinen Zeitverhältnisse sich gegen die Werte
wandten, die in den formbildenden Künsten niedergelegt sind.
Der hastige Erwerbsdrang der Menschen des neunzehnten Jahr-
hunderts, die gänzliche Beschlagnahme des Intellektes durch
wissenschaftliches und technisches Denken ließen die lebendige
Architektur ersterben. Oder, um es anders auszudrücken, sie
schwächten das Gefühl der Menschen für die Form so ab, daß
es nicht mehr reagierte. (Schluß folgt.)

wickelt, ist an strenge Architektonik
gebunden. Die Kleidung, bei der von
Anbeginn die Schönheit über der Nütz-
lichkeit steht, folgt künstlerisch-archi-
tektonischen Grundsätzen und fügt sich
dem Wohllaut des menschlichen Lebens-
kreises harmonisch ein. So hat die Form
stets die Kulturäußerungen aller Zeiten
beherrscht, und es wäre in den alten
Kulturen direkt undenkbar gewesen,
daß andere Gesichtspunkte, wie solche
nützlicher oder sentimentaler Art, ihren
wohltätigen Zwang beseitigt hätten.
Und doch trat dieser Zeitpunkt
ein, und zwar im achtzehnten Jahr-
hundert. Den ersten Ansturm gegen
die Form beobachten wir in der Ver-
drängung des rhythmisch gestalteten
Gartens durch den sogenannten Natur-
garten. Hier fiel der erste Stein aus
dem Gefüge der alten Kultur heraus.
Es waren sentimentale Gedankengänge,
die zersetzend wirkten, Gedankengänge,
die letzten Endes auf der Lehre Rous-
seaus von der Notwendigkeit der Rück-
kehr zur Natur fußten und mit dem
veränderten Geist der Zeit zusammen-
hingen. Zum ersten Male kamen die
Menschen auf den Gedanken, daß es
nicht ihre Aufgabe sei, die Instinkte
des rhythmischen Bildens, die der

Tennishaus von F. C. ßiermann in Bremen. Architekten: Carl Eeg, B.D.A., & Ed. Runge in Bremen.


Tennishaus von F. C. Biermann in Bremen.

Architekten: Carl Eeg (B.d.a.) & Ed. Runge in Bremen.
Das Häuschen ist aus Holz hergestellt und das Dach mit Schindeln gedeckt. Die Außen-
wände sind grün, die Leisten, Fenster und Gossen weiß gestrichen. Im Inneren ist die Decke
weiß, die Wände sind gelblich und die Leisten wieder weiß gestrichen. Die Möbel sind weiß lackiert.
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