Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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Seite 126.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

1911, 11.


Hornburg, Abb. 1. Überbaute Einfahrt
in der Wasserstraße 23/24.

Nach einem Aquarell von Professor
Hermann Pfeifer in Braunschweig.

deren rotbraune Dachpfannen in allen Tönen der Patina spielen,
gruppieren sich malerisch um die leicht gekrümmten Straßen.
Allerhand geschnitzter Zierat, Hausinschriften und Wappen er-
zählen uns von vergangenen Geschlechtern. Viele der alten
Pfosten und Balken haben sich im Laufe der Jahrhunderte
schief und krumm gezogen, und mancher First ist in seiner
Durchbiegung zur reinen Schönheitslinie geworden.
Gleich neben dem hohen Giebelbau links, der unten von
3 Holzpfosten gestützt wird, zieht es uns mit magnetischer
Gewalt hinein in die Knickstraße, kurzweg „der Knick“ ge-
nannt; aus dem Stadtplan verstehen wir die treffende Bezeich-
nung. Mit ihren drei starken Knicken eine stille, heimliche
Wohnstraße — d. h. solange die neueste Kulturerrungenschaft,
das Grammophon, darin schweigt! Nach allen Seiten hin in
sich geschlossene Bilder! Freitreppen springen unbedenklich
auf den Bürgersteig vor, auf dem auch eine stattliche alte
Kastanie nicht als Verkehrshindernis störend empfunden wird.
Wir treten aus dem Knick in die Damm st raße, zur
Linken das Dammtor mit einer leichten Verbreiterung der
Straße (eine sachlich einfachere Lösung, wie sie dieses Tor
zeigt, kann kaum gefunden werden: die mit Balken überdeckte
Torfahrt, das Torwarthaus und der Vorsprung daneben sind mit
einem einzigen Satteldach überdeckt). In nächster Nähe des
Dammtores, hinter den Häusern und in Bäumen versteckt,
liegt der alte Judentempel, im Stadtplane mit einem
Kreuzchen bezeichnet, ein interessanter quadratischer Fach-
werkbau mit schöner Backsteinsetzung der Gefache, an den
Wetterseiten mit Pfannen behängt und mit einem Mansarden-
dach bekrönt. Schlanke kirchenartige Fenster mit weißen Holz-
sprossen kennzeichnen das Gebäude als ein nicht profanes. In
dem Hause davor finden sich noch die Reste des primitiven
ritualen Frauenbades, daneben eine malerische Diele. Das
Haus mit den prächtigen Schnitzereien, Dammstraße 332, war
die alte Judenschule. In den Zeiten, als Hornburg sich eines
größeren Reichtums erfreute, hatte sich eine ansehnliche
jüdische Gemeinde dort seßhaft gemacht. Heute ist die jüdische
Gemeinde auf zwei Seelen zusammengeschmolzen.

Hornburg, ein Meisterwerk des nieder-
sächsischen Städtebaues.
Hierzu die Tafeln 109 und 110.
Zu den wenigen deutschen Ortschaften, die von den ge-
waltigen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts fast gänzlich
verschont geblieben sind, gehört das an den nördlichen Aus-
läufern des Harzes zwischen Braunschweig und Halberstadt liegende
Städtchen Hornburg. Abseits von der großen Heerstraße des
modernen Verkehrs bewahrte es in
seiner Weltabgeschiedenheit wie in
einem Dornröschenschlafe seine ur¬
sprünglichen eigenartigen Züge. Erst
1895 hat es mit einer viereinhalb
Kilometer langen Sekundärbahn nach
Börßum Anschluß an die Eisenbahnlinie
Braunschweig—Vienenburg—Harzburg
gefunden; vor etwa zwei Jahren folgte
dann die Verbindung über Osterwieck
mit Wasserleben der Strecke Halber¬
stadt-Goslar.
So wollen wir denn von dem im
Westen der Stadt liegenden Bahnhofe
eineWanderungdurch dieses eigenartig
anziehende alte Nest antreten (vergl.
den Lageplan, Tafel 109, Rückseite).
Eine Brücke führt uns über das Harz¬
flüßchen Ilse rechter Hand zur Vor¬
werkstraße, und mit einem Schlage,
wie mit einem Zauberstäbchen berührt,
sind wir in eine andere Welt versetzt
(Tafel 109, Standpunkt 1).
Alte Fachwerkhäuser mit ihren
vorgekragten niedrigen Geschossen
und mit ihren hohen Satteldächern,

Zur Wohlhabenheit hatten der Stadt Hornburg in alter Zeit
einerseits die Braugerechtsame für alle umliegenden Ortschaften
und der ausgiebige Hopfenbau verholten, anderseits der zwischen
Braunschweig und Halberstadt über Hornburg führende Fracht-
verkehr und endlich die zum Schmuggel geradezu heraus-
fordernde Lage des Städtchens bei einem „Dreiherrenstein“,
unmittelbar an der Grenze von Braunschweig, Hannover und
Preußen; hatte doch in jener guten alten Zeit jeder deutsche
Staat seinen eigenen Schlagbaum, seine eigene Zollgrenze.
Es sollen noch heute einzelne jener „Schmuggel keil er“ be-
stehen, die als heimliche Schlupf-
winkel in ungeahnten niedrigen Halb-
geschossen zwischen den Kellerge-
wölben und den Wohnräumen des
Erdgeschosses eingebaut waren, mit
verstecktem Zugang durch einen eigens
konstruierten Kleiderschrank oder
durch eine Kommode und dergl. un-
vermutete Öffnungen. Dem Rückgänge
des Wohlstandes ist wiederum die
Erhaltung fast aller alten Bauten zuzu-
schreiben: „Die Armut hat Hornburg
erhalten.“
Nun weiter in der Dammstraße!
An dem mächtigen Einfahrtstore des
Rüheschen Hauses Nr. 310 erkennen
wir, daß die Straße früher etwa einen
halben Meter tiefer liegen mußte;
der untere Streifen des Tores ist ein-
fach abgeschnitten. Hier wie in fast
allen älteren Städten finden wir, daß
im Laufe der Jahrhunderte die Straßen
durch oft sehr beträchtliche „Kultur-
schichten“ immer höher und höher
gelegt wurden. Die alte tiefer liegende
Dammstraße hatte nicht ein Straßen-


Hornburg, Abb. 2. Haustür Marktstraße 86.
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