Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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Seite 32.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

1911, 3.

Wettbewerbentwurf für eine Markthalle in Stuttgart (II. Preis). Architekten: Professor P. Bonatz und F. E. Schöler
Linke Seitenfront gegenüber dem Ministerium des Innern. in Stuttgart.


über seiner Hauptflucht; und dieser langgestreckten Masse ist
durch die kleinen Ecktürmchen und die reizvoll angeordneten
Giebelfelder alles Lastende, selbst der Charakter des Vierstöckigen
genommen. Anerkennung verdient auch die Art, wie Elsäßer
sowohl nach der Marktseite als gegen den „König von England“
die Schönheit der gegebenen Situation zu steigern weiß; sein Ent-
wurf gibt das, was man „aus der Situation heraus“ schaffen
nennt, und gerade das wird immer die erste Aufgabe des
Architekten bleiben. Diese Schaffensart allein berechtigt auch
zu gewissen reizvollen Altertümlichkeiten, wie sie Elsäßer zum
Beispiel nach dem Dorotheenplatz zu angewendet hat. Dem
engen Zusammenschluß der Markthalle mit ihrer Umgebung
dient schließlich auch, daß die Türme des Alten Schlosses in den
Eckrisaliten seines Gegenübers die notwendige Ergänzung finden.
„Form und Farbe“ war das Kennwort von Elsäßers Markt-
halle. In kaum einer anderen Stadt Süddeutschlands dürften
die Vorbedingungen für den Versuch einer Neubelebung der
Wandmalerei günstiger liegen als in Stuttgart. Sicher würde zu
dem üppigen, fast italienischen Charakter dieser von Reben-
hügeln umrahmten Residenz etwas freudige Farbigkeit und groß-
zügige Form an den Häusern ausgezeichnet stimmen; das be-
weisen die köstlichen Bergmüllerschen Fassadenmalereien am
Ständehaus (um 1760 entstanden), sowenig sie auch, was Stil
und Absicht betrifft, vorbildlich sein können.
Dr. Hans Otto Schallen.


Wettbewerbentwurf für eine Markthalle in Stuttgart (I. Preis).
Lageplan.

Architekt: Martin Elsäßer
in Stuttgart.

Alte Haussprüche.
Wer an den Wohnbauten unserer Vorfahren nicht bloß den äußeren
Formen nachspürt, sondern den Geist zu erfassen sucht, aus dem sie er-
standen, dem werden die alten Haussprüche manchen wichtigen Aufschluß
geben über Landes- und Stammesart, über Wohlstand und Not der Zeiten.
Unmittelbarer noch, als das Bildwerk in Holz und Stein, für das man so
gern sich des uns oft nicht mehr so leicht verständlichen Sinnbildes bediente,

Wettbewerbentwurf für eine Markthalle Architekten: Professor P. Bonatz
in Stuttgart (II. Preis). Querschnitt. und F. E. Schöler in Stuttgart.


lassen sie uns Charakter und Sinnesart der Erbauer erkennen. Wieviel
gesunde Weltanschauung, wie tiefes, inniges Empfinden und wieviel mann-
hafter Stolz spricht aus diesen kurzen Worten. Harmlos neckender Übermut
wechselt mit beißendem Spott über die Torheiten und Fehler der Menschheit
und läßt blitzartig eine tiefe, prächtige Menschen- und Selbsterkenntnis
durchschimmern. Oft sind es Wahl- und Sinnsprüche, die als Selbst-
bekenntnisse in drei Worten dem Dichter die ganze Persönlichkeit mit
ihrem Streben und Geschick vor Augen zaubern, oder goldene Lebens-
regeln, die der Erbauer des Hauses sich und seinen Nachfahren immer vor
Augen halten wollte.
Eine schlimme Klage über die schwere Not der Zeit gibt uns der
wundervolle Spruch an einem Hause in Oldersum:
De Waerheit Is To Hemmel Ghetogen,
De Trovwe Is Over dat Wilde Meer Ghefloghen,
De Gerechticheit Is Allenthalven Verdreven,
De Ontrovwe Is In de Wereldt Ghebleven,
O Godt Min Heer Ghewalt Voer Recht
Wo Seer Geit Gelt Voer Eer Dat Klage Ick Arme Knecht.
Und eindringlich lautet die Mahnung des Psalmisten über der Tür des
alten Rathauses in Wilster:
Schaffet Recht dem Armen und dem Weisen (Waisen)
Und Helpet dem Elenden und Nodttroftigen thom Rechte.
Reddet den Geringen und Vorloseten uth der Godtlosen Gewalt.
82. Psalm. 1585.
Tiefe Weisheit predigt der Spruch an einem Hause in Rendsburg:
Vom Unglück erst zieh ab die Schuld,
Den Rest dann trage mit Geduld!
(Bei Rückert heißt es: Was übrigbleibt, trag mit Geduld.)
Mehrere Sprüche ließ der dritte Besitzer des 1588 erbauten Hauses,
Obere Straße 24 in Schweinfurt, Rechtskonsulent Dr. Joh.Höfel (nach 1620),
an diesem anbringen:
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