Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

Page: 133
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1911, 12.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Seite 133.


Die Kirche zu Blochwitz in Sachsen.
Hierzu die Tafeln 118—120.

Die Kirche gehört zu einem Dorfe von ungefähr 230 Ein-
wohnern, das östlich der Elbe und unweit des Städt-
chens Ortrand an der preußischen Grenze liegt. Den
gegenwärtigen Zustand verdankt das Bauwerk in der
Hauptsache einer Erneuerung, die zwanzig Jahre nach dem
Dreißigjährigen Kriege geschehen ist. Die Wappen der Patronats-
herrschaft, welche den Ausbau vornehmen ließ, mit der Jahres-
zahl finden sich in der Kirche mehrmals angebracht.
Die eigenartige Grundrißanlage mit der Vorhalle und Sakristei
im Erdgeschoß des gedrungenen Turmes findet sich auch bei
benachbarten Dorfkirchen.
Aus früheren Bauperioden der Kirche, die im Jahre 1220 zum
ersten Male erwähnt wird, stammen die Umfassungsmauern und
das gotisch profilierte Türgewände in der Vorhalle sowie die
steinerne Kanzel, welche Frührenaissanceformen zeigt. An der
kleineren Glocke findet sich die Jahreszahl 1515, während
die größere wohl hundert Jahre älter sein kann.
Ein Umbau in den Jahren 1733—1735 brachte eine Ver-
breiterung der Orgelempore, und im Jahre 1789 entfernte man
den schadhaft gewordenen hölzernen „Achtort“, eine achteckige
Laterne, von dem Turme, der dadurch niedriger wurde.
Der Hauptreiz der Kirche liegt aber in der eigenartigen,
energischen Bemalung des Innern, die immer noch in der
alten Frische wirkt. Die wichtigsten Einrichtungsstücke sind in
ihrer Erscheinung im Laufe der Jahrhunderte wenig verändert
worden, und die Zutaten des achtzehnten Jahrhunderts zeigen,
wenn auch in derberer Ausführung, das Streben, sich der Spät-
renaissancemalerei anzupassen. Der reichgeschnitzte Altar und
besonders die Holzbekleidung des Taufsteins sind auch archi-
tektonisch bemerkenswerte Arbeiten. Der baldachingeschmückte
Taufsteindeckel wird durch eine über der Holzdecke der Kirche
angebrachte einfache Hebelvorrichtung nach oben bewegt.

Ein günstiges Geschick und der Vorzug, in einer verkehrs-
armen Gegend zu stehen, hat dieses Bauwerk seither vor der
Zerstörung durch Elemente oder Menschenhand bewahrt. Hoffent-
lich wird die Kirche auch in Zukunft pfleglich erhalten,
damit sie in ihrer einheitlichen und behäbigen Wirkung immer
mehr als ein Vorbild für solche Neuschöpfungen Geltung er-
langen kann, die nach dem gemütvollen und dabei kräftigen
Ausdruck der alten Dorfkirchen streben. Karl Simmang.
Die Bedeutung des architektonischen Form-
gefühls für die Kultur unserer Zeit
Vortrag, gehalten auf der Jahresversammlung des
DeutschenWerkbundes in Dresden 1911.
Von Hermann Muthesius.
(Schluß.)
er Form wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen, muß die
fundamentale Aufgabe unserer Zeit, muß der Inhalt nament-
lich jeder künstlerischen Reformarbeit sein, um die es sich heute
handeln kann. Der glückliche Verlauf der kunstgewerblichen
Bewegung, welche die innere Ausstattung unserer Räume neu
gebildet und die den Spezialgewerben neues Leben eingehaucht
hat, er kann nur als kleiner Vorläufer dessen betrachtet
werden, was noch kommen muß. Denn trotz allem, was wir
erreicht haben, und trotz der fruchtreichen Anregungen, die
wir in der neueren Architektur selbst freudigst feststellen
können, trotz allem waten wir noch bis in die Knie in
Formverwilderung. Beweis dafür ist, daß täglich und stünd-
lich unser Land noch mit minderwertigen Bauerzeugnissen be-
deckt wird, mit Erzeugnissen, die der Nachwelt eine nur allzu
beredte Sprache von der Unkultur unserer Tage reden werden.
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