Argos, oder der Mann mit hundert Augen — 4.1793 [VD18 90283848]

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zen und zu Herzen gehen. — Auch möcht"
ich dabei gewesen sein, als die Aehren abge-
rupft wurden, und da er von Feldblumen
und Vögeln sprach. Da, da mochte recht
viel natürliche Theologie vorkommen, und
von der bin ich auch Freund. Und, wenn
ich ihn mir dann vorstelle, wie er früh, früh
des Morgens, ehe die Sonne aufgieng, schon
auf einer von den Anhöhen in Judäa war,
die Morgenröthe mit Schöpferpreis grüßte,
und seine Augen nach Zion, oder sonst wohin
richtete, wo sie widerrökhete: so schwebt mein
ganzes Herz!
Kinder hakt' er auch gern um sich, und
wüßt' ich weiter nichts von ihm, als dieß, so
würd' ich schon auf den Gedanken gerochen,
daß er ein Edler, ein Redlicher, gewesen sei.
--— Kinder haben so etwas gutes, unverdor-
benes, edelsreies, biegsames, holdes, sanftes,
freundliches, von allem Stolz und Neid ent-
ferntes an sich, daß man mit Recht glauben
kann, ein Mann, der sie gern uni sich hak,
fei eben so gut, so sanft, so frei von Stolz
und Neid, wie sie.
Jesu Leidensgeschichte ist eine meiner Lieb-
lingsgeschichten. Ich weiß, daß es Leute giebt,
die viel vom Lamm und Nagelmahle und
Seikenhöhle reden und singen ; ich darf sie
nicht stören, bin ihnen vielmehr, als Brüdern,
von Herzen gut. Laßt doch jeden reden und
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