Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

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LORD SHAFTESBURY UND DIE KUNSTLER

115

ANTIKE MEISTER
Angesichts der herausgehobenen Stellung des Kiinstlers muBte Shaf-
tesbury die Darlegung der Rezeption der antiken und modernen Meister
notwendig erscheinen, damit sein eigenes - ideelles - Bild des Schaffen-
den, welches wiederum die Auffassung uber die Funktionsprinzipien des
Kunstwerkes bedingt, noch deutlicher werde.
Uber die Bedeutung der griechisch-antiken Kultur ais Wiege der
freien, schonen Kunst berichtet der Philosoph immer wieder in seinen
Werken. So widmet er auch in den Plasticks den antiken Meistern ein
Kapitel. Er setzt mit seiner Ausfuhrung in jener Zeit an, ais im antiken
Griechenland die Reformen und die Optimierung bildlicher („Iconics”),
plastischer („Plasticks”) und graflscher („Graphical”) Nachahmungs-
kunst parallel zur Entwicklung der literarischen Kunste der Tragodie
und der Komodie nach dem Modeli von Homers Schriften erfolgten47.
Shaftesbury beginnt bei Euripides - dem Meister der literarischen
Kunste. Dann folgen die Maler Apelles und Protogenes (auch Bildhauer)
und schlieBlich Menander. Dabei betrachtet Shaftesbury die Skulptur
ais erste in der Entwicklung der freien Kunste. Die Farbę folgę namlich,
entsprechend dem Wesen der Malerei, der Zeichnung, und da die Zeich-
nung durchaus die Basis fur die Bildhauerkunst bilde, konne die Malerei
47 SE, 1,5, S. 206. Shaftesbury zeigt, daB er auch Kenntnisse uber die Kunst und
Kultur anderer in der Antike hoch entwickelter Lander besafi. Diese betrachtete er jedoch
ais primitiv, da dereń Entwicklung nicht auf der Basis freier sozio-politischer, entwick-
lungsfahiger Verhaltnisse stattgefunden habe, sondem das Ergebnis von Tyrannei sowohl
seitens der Herrscher ais auch der Kirche gewesen sei: „Aegyptians tho so much earlyer &
so uastly antient; yet Barbarouse. Why? A Law in this Case. Orthodox Designing. Hiero-
Glyphicks, sacred-monstrouse, Reformation of these first Forms, sacrilegiouse, heretical.
National-Church-Painting.” (SE, 1,5, S. 206). Shaftesbury bezeichnet die agyptische Reli-
gi on ais „specific”. Festgelegte, unveranderbare Riten und Gesetze fuhrten zu monstrosen
Werken. In bezug darauf ware es meines Erachtens moglich zu denken, daB festgelegte
Gesetze ebenso festgelegte Formen hervorbringen mufiten. Wenn man aber beachtet, daB
der Mensch - wie Shaftesbury fortwahrend betont - von Natur aus ein freidenkender ist,
so wehrt er sich logischerweise gegen auferlegte Bestimmungen und fórdert die Phantasie,
die eben zur Entstehung von Monstrositaten fiihren kann. Das ist auch der Grand, waram
Shaftesbury die Freiheit ais notwendige Bedingung zur Entstehung freier Kunste fordert.
Denn nur dann bildet sie harmonische und schone Formen. Ais „specific” bezeichnet Shaf-
tesbury auch die jlidische Religion und die Verhaltnisse im antiken Rom, nicht jedoch das
Christentum (SE, 1,5, S.207). Die Protestanten waren „mehr oder weniger” („morę or less”)
„specific” (ebd.), das hangt fur Shaftesbury wahrscheinlich mit, ihrer Abspaltung von der
katholischen Kirche zusammen. Die Meinung uber den Protestantismus ist in diesem Zu-
sammenhang etwas undeutlich. Moglicherweise wollte sich Shaftesbury nicht festlegen,
da die Reformation einerseits zum „Bildersturm” fuhrte, andererseits aber die danach fol-
gende Malerei trotzdem nicht Shaftesburys Anforderangen und seiner Kunstvorstellung
entsprach.
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