Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

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LORD SHAFTESBURY UND DIE KUNSTLER

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sowie um die geauBerte Kritik und Analyse der Charaktere und der
Werke der antiken und der modernen Kiinstler. Ware es moglich, daB
angesichts des hohen Anspruches und der wichtigen Aufgabe, die der
Philosoph dem Kunstler ais Personlichkeit und ais Kunstschaffendem
zuweist, er den Kunstler - wie einige Forscher meinen - wirklich bloB
ais einen Handwerker behandelt, der keine andere Fahigkeit und
Aufgabe hat ais die Wiedergabe der Ideen des Philosophen? Welchen
Stellenwert haben die Kunstler fur Shaftesbury, hat er sie - John Clo-
sterman, Paolo de Matteis, Simon Gribelin, Henry Trench - tatsachlich
bloB ais „hands”107 behandelt?
Noch bevor Shaftesbury nach Neapel reisen muBte, arbeitete er mit
dem Maler John Closterman (1660 Osnabriick - 1711 London) zusam-
men. Dieser begleitete den jungen Lord Ashley Cooper und spateren Earl
of Shaftesbury nach Italien und fiihrte mehrere Familienportrats fiir die
Shaftesburys aus, unter anderem ein Doppelbildnis von Shaftesbury und
seinem Bruder Maurice (Abb. 23) sowie Shaftesburys Ganzfigurenpor-
trat in Begleitung einer weiteren Person (Abb. 24)108. Im Vergleich zu
friiheren Arbeiten von Closterman zeigen diese beiden Gemalde einen
wesentlichen Bruch im Stil des Malers von einer spatbarocken Stilisie-
rung der Portratierten - meist politisch oder gesellschaftlich einfluBrei-
che Persónlichkeiten (6th Duke of Somerset, um 1695, lst Duke of Marlbo-
rough und seine Familie, um 1697, Queen Annę, um 1705, Queen Mary
II., um 1690 u. a.)109 - zu einem neoklassizistischen Stil, der hochstwahr-
scheinlich auf den EinfluB seiner Reise nach Rom und auf die Bewunde-
rung dortiger klassisch-antiker Kunst und Architektur sowie auf die
Freundschaft mit Shaftesbury und seinem Bruder - beide Bewunderer
klassischer Tradition - zuriickgeht110.
Beide Portrats stehen in der Tradition sogenannter Freundschafts-
bildnisse* * 111. Auf beiden Gemalden erscheint Shaftesbury ais Portratier-
10/ Vgl. L. Lipking, The Ordering ofthe Arts in Eighteenth-Century England, Prince-
ton/N. J. 1970, S. 110.
108 An dieser Stelle bedanke ich mich bei Lord Shaftesbury - dem Eigentiimer des Ge-
maldes - fiir die Erlaubnis, dieses in Farbę abzubilden, und bei der National Portrait
Gallery in London fiir die Bereitstellung einer Farbabbildung sowohl von diesem Portrat
ais auch von dem Doppelportrat Shaftesburys mit seinem Bruder.
109 Abbildungen siehe M. Rogers, John and John Baptist Closterman: A Cataloąue of
their Works, (in:) „The Volume of the Walpole Society” 48 (1983), S. 224-279. Abb. 27, 35,
48, 55 (Rogers 1983).
110 Vgl. Rogers 1983, S. 230 f. Kat.-Nr. 86 (Abb. 60), 87 (Abb. 57).
111 Closterman hat bereits friiher diese Bildnisform angewandt (vgl. Rogers 1983,
Abb. 30, das Portrat von George und Thomas Dashwood, um 1690, wie auch das Portrat
zweier junger Engłander, um 1690, Abb. 47). Der Typus wurde in England von Jan van
Dyck verbreitet.
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