Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

Page: 155
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LORD SHAFTESBURY UND DIE KUNSTLER

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Leben auf seine Interessen und die Arbeit, iiber die er meditiert, hinwei-
sen. Dazu gehort die Einbindung einer weiteren Person im Bild, eines
Sekretars, der sich, mit einer Feder in der Hand, den Philosophen anblik-
kend, im Hintergrund befinden sollte, sowie einer weiteren Person, der
des Kiinstlers, die anhand einer Zeichnung und der Signatur in Erschei-
nung treten solle. Die Prasenz beider Personen deutet auf einen weiteren
unabdingbaren Aspekt des Lebens hin, auf die zwischenmenschlichen
Beziehungen, insbesondere die Freundschaft - ein Aspekt, der bereits im
Portrat mit seinem Bruder zentral war und dessen Bedeutung aus Shaf-
tesburys sokratisch-stoischer Einstellung hervorgeht. Zu Recht betont
Sweetman, daB Shaftesburys Entscheidung fur den Moment der Darstel-
lung aus dem sokratischen Ideał hervorgehe: Ais Studierender, wahrend
der Meditation, in einem Moment, welcher nicht nur die Vergangenheit
und die Zukunft verbinde, sondern fur den Betrachter die Bedeutungen
der Gegenstande, die ihn umgeben, hervorhebe und auf die Schonheit
und Lebendigkeit dieser Gegenstande, von denen Sokrates gesprochen
habe, auf geistige Schonheit und Sittlichkeit schlieBen lasse. Das
Gemalde solle weniger ein Portrat ais ein Symbol des sterbenden Virtuo-
so sein153. Im Kontext der Freundschaft und der Idee des Lebens liegt die
Ahnlichkeit des Gemaldes mit Poussins Bild Das Testament des Eudami-
das (Abb. 27) begriindet154. Die Geschichte von Eudamidas iiber das
freundschaftliche Vertrauen und PflichtbewuBtsein handelt von der Ab-
fassung des Testaments des Eudamidas, in welchem er seinen Freunden
die Sorge um seine Frau und seine Tochter iiberlaBt. Sie erfullen den
Wunsch, und nachdem einer von ihnen - Areteus - stirbt, ubernimmt
der zweite diese Pflicht. Die Bilder ahneln sich auch hinsichtlich ihrer
Struktur. Wie in Shaftesburys Bild dominiert bei Poussin die Horizonta-
le des Bettes, auf dem der sterbende Eudamidas, umgeben von seinen
beiden Freunden, liegt. Einer der Freunde, links hinter dem Bett, halt
seine Hand auf Eudamidas Brustwunde und schaut dabei die lamentie-
renden Frauen rechts im Bild an, wahrend der zweite, zentral im Vor-
dergrund, gekleidet in ein leuchtend goldenes Gewand, am Bett sitzt und
das Testament verfaBt. Uber den Figuren hangen Eudamidas Schwert
und Schild. Links iiber das Bett fallt das gelbliche Licht der untergehen-

153 Vgl. J. E. Sweetman, Shaftesburys last commission, (in:) „Journal of the Warburg
and Courtauld Institutes” 19 (1956), S. 115.
lo4 Ebd., S. 113, 115. Zur Frage nach der Verkniipfung der Freundschaft („amicitia”)
mit dem Selbstportrat bei Poussin und dem Testament des Eudamidas vgl. Batschmann
1990, S. 49 ff. Der Autor stellt eine ahnliche Verkniipfung zwischen den Selbstportrats I
und II von Poussin her, wo einige Elemente, wie der Ring auf dem Finger des Malers auf
dem zweiten Portrat, auf die Idee der Freundschaft, die auch in der Geschichte des Euda-
midas veranschaulicht wird, hinweisen.
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