Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

Page: 157
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LORD SHAFTESBURY UND DIE KUNSTLER

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Der Aspekt der Freundschaft - der bei Shaftesbury eindeutig auf den
sensus communis ais die dem Menschen natiirliche Neigung zur Soziabi-
litat und auf den dem Menschen ebenso natiirlich gegebenen morali-
schen Sinn (morał sense) zuriickgeht die Idee des Kiinstlers und
dessen Aufgabe der Einsicht, die Beobachtung der Natur, die ais Aus-
druck der gottlichen Schonheit gilt, und schlieBlich die Visualisierung
dieser Elemente in der Kunst - all das beweist, daB Shaftesbury ein
ideales, hochst moralisch.es Bild vom Menschen und seinen Ausdrucks-
formen anstrebte. Er propagierte die Gleichheit der Menschen beziiglich
ihrer natiirlichen Moglichkeiten, sah aber die Realitat voller Konventio-
nen und Unterdriickung und fiihlte sich deswegen dazu berufen, die
Rolle eines Vermittlers zwischen der schonen ideellen Welt und der tat-
sachlichen zu ubernehmen. Er wollte dem Kiinstler dabei helfen, sich
wieder auf das klassisch Schóne - fiir den Philosophen der Inbegriff von
Morał und Freiheit - zu besinnen und die ihm naturlich gegebene Fahig-
keit zur wahren Invention und dereń Veranschaulichung zwecks Erzeu-
gung der Einsicht im Betrachter neu zu lernen. Wahrend er diese
Aspekte bei den Kiinstlern der Moderne seit der Renaissance selten
preist, haufiger sogar dereń Mangel kritisiert, sieht er die Zusammenar-
beit mit den zeitgenóssischen Kiinstlern ais praktische Ausfuhrung
seiner „Mission”, da diese ihre Aufgabe zur Zeit nicht erfullen wiirden.
Shaftesbury behandelt also den Kiinstler und sein Werk immer im Hin-
blick auf die Maximen seiner eigenen Kunsttheorie, geht dabei aber stets
die Gefahr ein, die Schranken seiner Ideologie so festzusetzen, daB er
alle Entwicklungsmomente, sowohl hinsichtlich des Charakters des
Kiinstlers ais auch dessen Arbeit (z. B. bei Raffael), wie auch die Uber-
gangsmomente in der Kunstentwicklung, nicht einschatzen kann. Shaf-
tesbury verfolgt ein Ideał in jeder Hinsicht. Dieser ideologische Blick ver-
sperrt ihm hier den Blick auf die genannten Aspekte der kiinstlerischen
Prozesse, welche mit den Hohepunkten unabdingbar verbunden sind156.
Und dennoch, die Kenntnis iiber die Rolle der Kunsttheorie und der
kiinstlerischen Praxis in Shaftesburys Werk ist notwendig fiir die Er-
schlieBung seiner Denkart, die tatsachlich nicht riickstandig, sondern ais
zukunftsweisend aufklarerisch zu beurteilen ist, besonders im Hinblick
auf die Autonomie der Kunst der Moderne und ihre Freiheit, fiir sich
selbst zwecklos zu sein. Es ist wahr, daB Shaftesbury der Kunst eine
uber den Arm und dann iiber den Kopf des stehenden Freundes und erreicht den hóchsten
Punkt an der Wand in der Riistung, fiihrt dann wieder hinunter entlang dem Schwert,
dem Kopf der gebeugt auf dem Bett sitzenden Frau und weiter zum Boden entlang dem
Korper der am Bett angelehnten zweiten Frau.
156 Zu Shaftesbury ais Kritiker vgl. B. Schmidt-Haberkamp, Die Kunst der Kritik.
Zum Zusammenhang uon Ethik und Asthetik bei Shaftesbury, Miinchen 2000.
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