Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 26.2015

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DANZIG AM MITTELMEER. DIE BRONZESKULPTUR DES NEPTUNBRUNNENS

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Als die Bürger von Augsburg um 1537, das Jahr des großen Bilder-
sturms, die Statue des hl. Ulrich, des Nothelfers gegen Wassemot, von
dem öffentlichen Brunnen in der Nähe des Rathauses entfernten und
durch einen in Bronze gegossenen Neptun ersetzten, war wiederum der
Idolatrie-Vorwurf im Spiel, nun aber in anderer Stoßrichtung. Die Heili-
genfigur war zwischen beiden konfessionellen Parteien umstritten. Der
mythologische Neptun dagegen stellte einen neutralen Ersatz dar - mit
dem Vorzug, zugleich an die römische Gründung der Stadt zu erinnern,
deren lateinischer Name Augusta Vindelicorum ihre geographische Lage
nach den für sie in vielfacher Hinsicht lebenswichtigen Gewässern vinda
und licus (Wertach und Lech) bestimmte6. Mit diesen beiden Episoden
kommen wir wahrscheinlich den Auffassungen und Absichten nahe, die
auch im Fall des Danziger Brunnens zur Wahl des Themas führten:
Antikenfiktion und konfessionelle Neutralität.
Handelt es sich nun bei dem Danziger Bronzeneptun lediglich um
eine Nachahmung von Artefakten italienischer Herkunft, oder war der
Meister enger mit der Weise vertraut, in der diese selbst hervorgebracht
wurden? Die Frage nach dem bislang anonymen Urheber der Statue soll
im folgenden von der Seite der Bilderfindung her angegangen werden.
Dabei wird es nicht genügen, ikonographische Quellen und typen-
geschichtliche Exempla zu ermitteln. Vielmehr geht es darum, wie der
Künstler sich zu den sprachlichen und bildlichen Vorlagen verhielt und
eine gegebene Situation, die existierende Platzanlage mit ihren reprä-
sentativen Gebäuden, figürlich ausdeutete. Florentiner Künstler der
Renaissance demonstrierten dabei im wesentlichen zwei Haltungen:
Gelehrsamkeit im Studium nach der Antike und eigene Beobachtung der
phänomenalen Natur. Sie vergewisserten sich der Autorität schriftlicher
und visueller Quellen, an welchen Merkmalen ein Thema zu erkennen
sei. Sie kompilierten Gestaltelemente aus unterschiedlichen Vorlagen,
ergänzten die fragmentarischen oder aus ihrem originären Zusammen-
hang gelösten Antiken nach ihrer mutmaßlichen Bedeutung. Mehr aber
noch kam es den Künstlern der Renaissance darauf an, ein jeweiliges
Thema in visueller Evidenz vor Augen zu führen. Nicht sofort mußte sich
dem Betrachter die ganze Bedeutung eine Werks in der Anschauung
erschließen. Doch verfehlte es sein Ziel, wenn nur ein komplizierter
Kommentar es überhaupt zum Sprechen brachte.

6 Vgl. B. Bushart, Die Augsburger Brunnen und Dejikmale um 1600, (in:) Welt im
Umbruch. Augsburg zwischen Renaissance und Barock, Ausstellung Katalog, Augsburg,
Städtische Kunstsammlungen, Augsburg 1981, S. 82, 85. Zu dem Hans Daucher zuge-
schriebenen Bronze-Neptun vgl. ibidem, Bd. 2, S. 153-155, Kat. 502.
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