Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 96
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4.3.1. DAS SIRIO-FRAGMENT

bricht daraus nach links hervor. Über dem Rand der Höhle wird ein Treiber sichtbar, der im gleichen
Typus auf vielen Meleagersarkophagen460 begegnet. Wie dort schleudert er offenbar einen Stein auf das
Tier, um es aus seinem Versteck zu treiben. Auf der rechten Seite scheint der Sarkophag bis auf eine
Lücke über dem Löwen fast vollständig erhalten zu sein, weil der Löwe auf einem Sarkophag, der links
einen so großen Eber wiedergibt, ganz an den rechten Rand gerückt werden muß. Dieser Sarkophag ist
keineswegs der einzige, auf dem Löwen- und Eberjagd nebeneinander dargestellt sind, aber er scheint,
soweit man dies bei der unvollständigen Abbildung erkennen kann, wie kaum ein anderer Sarkophag die
Jagd auf diese beiden Tiere in der gleichen Weise formal zu parallelisieren, wie dies bei den Sarkophagen
mit Löwenpaaren461 der Fall ist. Weil er mit jenen auch etwa zeitgleich ist, sei er an dieser Stelle behandelt.
Schon bei der Betrachtung der Reliefentwicklung, die zum Sarkophag von S. Elpidio (Kat. 204, Taf. 54,3)
führt, war auf die eigenartige Mäanderform des wehenden Gewandsaums bei der Virtus und beim Jagdherrn
hinzuweisen462, die sich in eine Entwicklungsreihe einordnen und innerhalb dieser ins erste Jahrzehnt des
4. Jahrhunderts datieren läßt. Dieses Datum bestätigen auch alle anderen stilistischen Indizien wie die Formung
der Löwenmähne, die sich an die des Sarkophags in Siena (Kat. 206, Taf. 122,6) anschließen läßt und die
Ornamentalisierung des Sarkophags von S. Elpidio (Kat. 204, Taf. 123,5) noch nicht erreicht. Die runden
kleinen Köpfe lassen sich zwischen die der Sarkophage von Siena (Kat. 206, Taf. 116,2) und Beziers (Kat. 19,
Taf. 72; 73) einordnen, die groben und harten Falten finden ebenfalls auf diesen Sarkophagen ihre Parallelen.
Insgesamt ist der verschollene Sarkophag auf dem Foto Inst. Neg. Rom 2252 (Kat. 242, Taf. 55,4) aber
qualitätvoller als diese beiden. Mit der Parallelisierung von Mähnenlöwe und Eber gibt er dem Gedanken,
der im Pisaner Sarkophag (Kat. 69, Taf. 5 5,1) formuliert ist, auch eine eigene in der Tradition der Eberjagdsar-
kophage463 begründete Wendung. Es sind die Gefahren des Todes in vielerlei Gestalt, denen gegenüber
die Virtus des Grabinhabers sich zu bewähren hat.

4.3. DIE WERKSTATT DER KINDERLÖWENJAGDSARKOPHAGE

4.3.1. Das Sirio-Fragment

Durch das Auftauchen eines sehr qualitätvollen Sarkophagfragments (Kat. 74, Taf. 74,1), auf dem Kinder
auf der Löwenjagd dargestellt sind, gerät die bereits von F. Gerke464 und von A. Vaccaro Melucco 65
zusammengestellte Gruppe um den Kinderlöwenjagdsarkophag von San Callisto (Kat. 101, Taf. 74,3) in
ein neues Licht. Das Fragment trägt eine eigenartige Inschrift mit dem Namen Sirio, die sich als besonders
bedeutungsvoll erweisen wird. Das Sirio-Fragment stammt vom Mittelteil eines in den Maßen dem Sarkophag
von San Callisto (Kat. 101, Taf. 74,3) etwa gleichen Sarkophages, es weicht in der Figurenanordnung aber
von diesem ab.

Typologisch, wenn auch nicht stilistisch verwandt ist der auf dem Photo Inst. Neg. Rom 2252 erkennbare
linke Sarkophag ehemals Cannes (Kat. 242, Taf. 55,4). Übereinstimmungen finden sich in den folgenden
vier Punkten: Über dem Rücken des Löwen ist ein Reiter angeordnet, der seinen Kopf zurückwendet
und den rechten Arm erhoben hat, um von oben einen Speer senkrecht nach unten auf den Löwen zu
stoßen. Auf dem verschollenen Sarkophag sind zwar nur noch die linke Schulter und der Kopf dieses
Mannes erhalten, aber seine Ergänzung entsprechend dem Knaben auf dem Fragment kann kaum zweifelhaft
sein. Dies ist wichtig, weil der verschollene Sarkophag ehemals Cannes (Kat. 242, Taf. 55,4) eine Vorstellung
des Figurenzusammenhangs auf dem Fragment (Kat. 74, Taf. 74,1) zu geben vermag. Insbesondere trägt
er zu einem möglichen Verständnis einiger Reste auf dem Fragment bei: Über dem Kopf des Löwen sieht
man auf dem Fragment noch einen gebeugten, bloßen Arm und eine Hand, die den Griff eines Schildes
umklammert. Der zurückgewandte Jäger auf dem verschollenen Sarkophag trägt zwar keinen Schild, aber
er ist doch an der gleichen Stelle zwischen dem zurückblickenden Jäger rechts und dem von links heranspren-
genden Jagdherrn angeordnet, der in ähnlicher Haltung auch auf dem Fragment links anschließend zu

460 Ebenda. Es dürfte sich um einen sogenannten Indagator handeln; 463 Kap. 5.

vgl. Aymard (1951) 227t". 464 Gerke (1940) 52-58 zu Taf. 3,1 und 40,2.

461

Kap. 4.2.1-3. 465 Vaccaro Melucco (1963/64) 34.

462 Kap. 4.1.4.

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