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Beger, Otto
Gesellschaftliche und technisch-wirtschaftliche Grundlagen der europäischen Wandteppich-Wirkerei, besonders der heutigen Gobelin-Manufaktur — Augsburg: Filser, 1929

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https://doi.org/10.11588/diglit.48838#0010
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VI

Historikers, des Nationalökonomen und des Technikers zu be-
trachten. Wenn also in den folgenden Kapiteln die wirtschaftlichen
und technischen Grundlagen des Wirkereihandwerks teilweise stark
in den Vordergrund gerückt sind, so geschah dies in dem Bestreben,
eine nach dieser Richtung hin in der bisherigen Literatur vorhandene
Lücke auszufüllen.
Bereits an dieser Stelle mögen nun noch einige terminologische
Bemerkungen vorausgeschickt sein.
Wir finden in der deutschen Fachliteratur die verschiedensten
Benennungen für handgewirkte Wandbehänge. Die Bezeichnungen
,, Bildteppich“, „Wandteppich“, „Wirkteppich“, „Gobelin“ und
„Tapisserie“ werden in gleicher Weise verwandt. Am populärsten
ist in weitesten Kreisen, besonders im Kunsthandel, die Bezeichnung
„Gobelin“, obwohl gerade dieses Wort eigentlich sinnlos ist. Es
leitet sich her von einer Familie Gobelin, die im 16. Jahrhundert
zu Paris eine Färberei betrieben hatte, und zwar in jenem Gebäude,
in welchem im Jahre 1667 von Ludwig XIV. die „Manufacture
royale des meubles de la couronne“ gegründet wurde. Auf diese
Weise erhielt die Manufaktur später den Namen „Manufacture
Nationale des Gobelins“, — den sie noch heute führt — ihre Er-
zeugnisse wurden kurz „Gobelins“ genannt und diese Bezeichnung
als Gattungsbegriff auf alle gewirkten Wandteppiche ausgedehnt.
Eine Übersetzung der richtigeren und in Frankreich auch von jeher
üblichen Benennung „Tapisserie“ (2) wurde durch die Worte „Bild-
teppich“, „Wandteppich“ und „Wirkteppich“ versucht.
Die textile Technik, in der diese Erzeugnisse hergestellt werden,
wird, wie wir noch hören werden, richtiger mit „Wirkerei“ als mit
„Weberei“ bezeichnet. Wenn der moderne Sprachgebrauch maschi-
nell hergestellte Maschengewebe „Wirkwaren“ nennt, so bedient er
sich hierbei insofern einer unzutreffenden Benennung, als die Technik
dieser Textilerzeugnisse mit der ursprünglich als Wirkverfahren be-
zeichneten Technik der Wandteppich Verfertigung nichts gemein hat,
während diese bereits im 14. und 15. Jahrhundert als „Würkerei“
oder „Wirkerei“ bezeichnet wurde.
Die Wirkereibetriebe selbst werden hier stets „Wandteppich-
manufakturen“ bzw. „Wirkereimanufakturen“ genannt werden. Es
wäre widersinnig, etwa von „Wirkereifabriken“ sprechen zu wollen.
 
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