Bertuch, Friedrich Justin ; Bertuch, Carl
Bilderbuch für Kinder: enthaltend eine angenehme Sammlung von Thieren, Pflanzen, Früchten, Mineralien ... alle nach den besten Originalen gewählt, gestochen und mit einer ... den Verstandes-Kräften eines Kindes angemessenen Erklärung begleitet (Band 1) — Weimar, 1801 (2. Aufl.)

Seite: 176
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B, 1, Ne, 50'

Vennifehte Gegenftande, 111,
FABELHAFTE TH IE KE»

No» î, Der Vogel Pioc,
-Der Vogel Roc ist nach den bekannten Arabi-
schen Mährchen der Tausend und einen Nacht,
Und andern orientalischen Wunder-Geschichten,
ein ungeheuer grosser Vogel, den immer die Zau-
berer oder Prinzen und Prinzessinnen zu ihren
Pieiten durch die Lüfte brauchen. Wie ungeheuer
gross man ihn machte, kann man z. B. aus dem
Mährchen, Geschichte des /.irabischen Ritters, (im
VII. Bande Aar Blauen Bibliothek S. 34°0 schen,
vvo er das ganze prächtige Zelt der Prinzessin
Dorathill Goasc, mit ihr selbst, auf seinem Rü-
cken trägt, und in wenigen Minuten damit über
ganz Alien wegiliegt; welche Vorslellung ich
hier gewählt habe.
No, 2, D er Balilislx,
DerBafilisk, von demPlinius in seiner fabel-
haften Naturgeschichtc erzählt, war ein erdichte-
tes Wunderthier in Africa , das die Gestalt eines
Hahns mit bunten Drachen - Flügeln und einem
Drachen - Schwänze haben, und delsen Blick so
giftig seyn süllte, dass er alles, was er ansähe, so-
gleich damit tödtete. Man Tagte daher, man kön-
ne den Basilisken nicht anders tödlen, als dadurch,
dass man ihm einen Spiegel vorletzte. Sobald er
sich in demselben sähe, tödte sein giftiger Blick
ihn selbst. Gistige Bafilisken - Blicke sind daher
zum Sprüchworte geworden.
No, 3, Der Phönix,
Der Phönix war gleichfalls ein fabelhafter
Wunder-Vogel der Alten. Es lebte nur immer
ein einziger auf der Welt, in Arabien, wohin
nian alle Wunder tetzte. Dieter wurde an 500
Jahre alt; und wenn er nun des Lebens müde
'var, so trug er kostbarc Spezereyen in sein Nell
zusammea, liess diese von der Sonne anzünden,
t>nd verbrannte sich selbst; worauf alsdann aus
seiner Asche ein junger Phönix hervorkam, und
er sich auf diele Art erheiterte. Er hatte die
Hrösse und Gestalt eines Adlers ; seinen Kops um-
ttrahlte Sonnengianz ; sein Hals glänzte wie Gold,
eine Flügel waren purpurroth, Schwanz, Klauen
tuid Schnabel aber himmelblau. Kurz , es war
C ei teltenste Wunder-Vogel von der Welt.
No, 4. Das Einhorn,
Das Einhorn, als vierfüssiges 1 hier, ist nicht
Binder eine Fabel. Es kommt zwar oft in Wun-
Jts .

dermäbrehen, in der Heraldik alsSchildhalter, und
sogar in der Bibel, im Buche Hiob, (wo es aber
vermuthlich das Zebra seyn soll) vor, allein die
neuere Naturgeschichte kennt es nicht. Man
giebt ihm die Gestalt eines groTsen Pferdes mit
einem zwey Ellen langen spitzigen gewundenen
Home vor der Stirn. Vermuthlich bat das eben
so gestaltete Horn des Narbal - Fisches , den ich
Heft II. No. 7. beschrieb, welches man, wie an-
dere versteinerte Thierknochen , irgendwo aus
der Erde grub , und Unwisienheit in der Natur-
geschicbte Anlass zu dicter Fabel, diePlinius zu-
erst erzählt, gegeben.
N. 5, Das Boramez, oder Scytliische
Lamm.
Man glaubte noch zu Anfänge diètes Jahrhun-
derts die Fabel. es wachte in der Tartarey und
Scythien eine wunderbare Pflanze, in Gestalt ei-
nes braunen Lammes, auf einem Stengel, der
ihm gleichsam zur Nabelschnur diene. Diess
Lamm fresse um sich her, so weit es reichen kön-
ne, alle Kräuter ab, und sterbe und vertrockne
alsdann, wenn es keine Nahrung mehr habe. Das
Wahre davon ist, das Boramez oder Scytliifche
Lamm ist ein rauches, wolligtes Moos, welches in
grossen Klumpen, und zuweilen in der hier ab-
gebildeten Gestalt, als eine Schmarotzerpflanze
auf dem baumartigen Farrenkraute in der Tar-
tarey wächst, und gelblich - braun aussielit. Das
Uebrige davon ist ein Mährchen.
No, 6, Der Drache.
TicräD rache ist ein berühmtes fabelhaftes/7 «7:-
der- Thier, das in der Fabel Geschicnte sall aller
Völker, und sonderlich in den alten Teultehen
Bitter- und Volks-Mährchen, unter dem Namen
Lindwurm vorkommt. Er hatte 4 Löwenstisse, ei-
nen dicken Schlangen - Schwanz, Flügel mit Au-
gen , einen tehreckliclien Fiais und Kopf, und
spie gewöhnlich Feuer und Flammen aus dem
Bachen. Die Drachen waren Ungeheuer, die
die Länder verheerten, und mit denen die Flit-
ter immer kämpften. Kurz, der Drache war von
jeher ein Geschöpf der Einbildungskraft, welches
die Phantalie der Dichter auf manchesley Art
bildete, welches aber nie in der Natur existirte.
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