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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 11.1876

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https://doi.org/10.11588/diglit.49712#0381
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Die Hand der Nemesis.
Roman
von
Ewald August König.
(Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.,
„War es möglich, daß ein Anderer ohne Ihr Wissen
sich der Waffe bemächtigen konntet" fuhr der Assessor fort.
„Möglich^ Bestreiten will ich das nicht," ent-
gegnete Halm. „Wenn dieser Andere wußte, wo die
Büchse lag, so brauchte er nur das Brett aufzuheben
und die Waffe war in seiner Hand. Meine Frau und
ich waren den Tag über meist draußen, und es fiel
uns nicht ein, die Thürc zu schließen."
„Aber in jener Nacht konnte wohl Niemand unbe-
merkt in die Hütte eindringen?"
„Nein."
„Haben Sie oft nachgesehen, ob die Waffe noch in
ihrem Berstecke lag?"
„Nie, ich dachte nicht mehr an sie.
Wenn ich mich ihrer erinnert hätte, würde
ich sie bei meiner Abreise mitgenommen
haben."
„War cs außer Ihnen und Ihrer Frau
irgend einem Menschen bekannt, daß die
Waffe unter dein Fußboden lag?"
Der Gefangene schüttelte zögernd das
Haupt.
„Besinnen Sie sich," sagte Siegfried,
„die Beantwortung dieser Frage kann für
Sie von der größten Wichtigkeit sein."
„Ich kann Ihnen keine andere Ant-
wort darauf geben," crwiederte Halm, „ich
habe mit Niemanden.darüber gesprochen."
„Auch Ihre Frau nicht?"
„Ich weiß es nicht, ich kann mich
nicht erinnern, daß sie mir etwas darüber
gesagt hat."
„Sie erkennen auch die Büchse, die in
Ihrer Hütte gefunden und schon im ersten
Verhör Ihnen vorgezeigt wurde, als Ihr
früheres Eigenthnm an?"
„Jawohl.'"
„Ich komme mm auf den Vorfall selbst
zurück. Als der Doktor das Schloß ver-
ließ, waren Sie nicht zugegen?"
„Nein, ich habe ihn in jener Nacht über-
haupt nicht gesehen."
„Einige Stunden später wurde seine
Leiche in dem Gebüsche gefunden," fuhr
Siegfried fort, und wieder streifte sein
Blick das Gesicht des Amerikaners. „Er-
innern Sie sich dessen noch?"
„Gewiß."
„Sprachen Sie mit Jemand darüber?"
„Nur mit dem Gärtner."
„Aeußerte er eine Meinung über den
Vorfall?"
„Direkt nicht, er war sehr einsilbig, und
mir kam es vor, als ob ilm selbst eine

Schuld drücke. Ich sage das nicht, um auf ihn Ver-
dacht zu lenken, er kann diese That nicht begangen haben."
„Aber es schien Ihnen, als ob er wisse, wer sie be
gangen hatte?"
„Auch das will ich nicht behaupten. Er äußerte nur,
man müsse jedes Wort reiflich überlegen, eine Anklage,
die man nicht beweisen könne, sei sehr gefährlich."
„Das war in: Grunde genommen eine wohlfeile Re-
densart, die nicht einmal zu Vermuthungen Anlaß gibt.
Aeußerte er keinen bestimmten Verdacht?"
„Nein."
„Sprachen Sie öfter mit ihm?"
„Zweimal, das letzte Mal kurz vor meiner Abreise,
als ich Abschied von ihm nahm."
„Und auch bei dieser Gelegenheit ließ er keine Aeuße-
rnng fallen, die ans jenen räthselhaften Mord Bezug
nahm?"
„Doch, aber ich verstand den Sinn seiner Worte nicht.
Er sagte mir, es sei merkwürdig, daß die Herren vom
Gericht gar nichts entdeckt Hütten, er könnte ihnen eine

Spur zeigen, aber er werde sich hüten, man würde nach
Beweisen fragen, und darauf wisse er dann keine Ant-
wort zu geben."
„Einen Namen nannte er nicht?"
„Bewahre. Wohl aber sagte er, die großen Ver-
brecher seien besser daran wie die kleinen, denn an sie
denke man erst zuletzt oder gar nicht. Damit brach er
das Gespräch ab, und ich fragte auch nicht weiter, ich
konnte ja nicht ahnen, daß der Verdacht auf mich fallen
Würde."
„Sie haben auch über diese Worte des Gärtners nicht
weiter nachgedacht?"
„Nein - wozu? Solche Leute sprechen wie ihnen
der Schnabel gewachsen ist, sie denken über ihr Worte
nicht weiter nach, und wenn sie einmal eine Vermnthung
ans der Luft gegriffen haben, dann halten sie an ihr fest."
„Dieser Gärtner hat sich vor einigen Tagen das Leben
genommen," sagte Siegfried, die blitzenden Augen fest
auf den Angeklagten richtend; „man fand die Leiche
neben einer Branntweinflasche, und der Inhalt dieser
Flasche war mit einem sofort wirkenden
Gift zersetzt."
Bestürzt war Halm zurückgetreten, sein
starrer Blick verrieth das Entsetzen, welches
diese unerwartete Mittheilung ihm einflößte.
„Er hat sich selbst vergiftet?" fragte er
mit bebender Stimme.
„Ja, vorausgesetzt, daß nicht ein An-
derer es gethan hat."
„Welcher Andere?"
„Ich weiß es nicht," sagte Siegfried ge-
dehnt, „ich spreche nur eine Vermuthung
aus."
Das Gesicht des Amerikaners war noch
bleicher geworden, er stützte sich mit der
Hand auf den Tisch, der zwischen ihm und
dem Untersuchungsrichter stand, und dein
scharf beobachtenden Blick Siegfrieds ent-
ging cs nicht, daß der kräftige Mann wie
in Fieberschauern zitterte.
„Hatte der Gärtner sich dem Trünke er-
geben?" fragte Halm.
„Herr Rabe will es behaupten, aber
alle klebrigen bestreiten es."
„Und welche Ursache liegt diese!» Selbst-
mord zu Grunde?"
„Darüber kann Niemand Auskunft geben."
„Seltsam! Georg war, so lange ich ihn
kannte, ein fleißiger, nüchterner Mensch,
eine gutherzige Seele, die Niemanden ein
böses Wort sagen konnte, und nur etwas
zu ängstlich, zu schüchtern und bescheiden
war."
„So ist er mir auch geschildert worden,"
nickte Siegfried. „Wie sprach man damals
über den Plötzlichen Tod des Generals?"
„Man bedauerte allgemein, daß der Ge-
neral so unerwartet gestorben war. Jeder,
der ihn kannte, achtete und liebte ihn."
„Nur Einer nicht."
„Ich weiß es, Herr Rabe!"

M. Joseph pdmnnp Jörg. Nach einer Photographie gezeichnet von K. Kolb. (S. Nvl.)
 
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