Bieńkowski, Piotr
Die Darstellungen der Gallier in der hellenistischen Kunst — Wien, 1908

Seite: 60
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rechts dahinsprengenden Reiter liegt nämlich nach derselben Seite ein toter Gallier mit lockigem
Haar, Torques, Stichwunde über dem Nabel; seine Rechte ruht auf dem rechten Oberschenkel,
die nur teilweise erhaltene Linke war wohl an ein Hinterbein des Pferdes gestützt, an welches
auch der sechseckige Schild gelehnt ist. Es ist hier ohne weiteres klar, daß die Reine des Toten,
besonders das linke, diagonal nach rechts ausgestreckt waren, also unter dem Pferde verschwanden.

An demselben Ende und in derselben Richtung liegt ein Jüngling" auf dem Sarkophage
Giustiniani (Taf. VI b); nur ist hier die Figur des Reiters bedeutend nach links verschoben. Reide
Reine des Toten sind ergänzt, seine Linke ist unsichtbar, die Rechte hält einen Schwertgriff.
Auch in dem rechten Giebel des Sarkophages Ammendola findet sich eine verwandte Figur
(Taf. V a). Obwohl sie nur abbozziert ist, kann man mit Sicherheit erkennen, daß ihre Linke nach
oben, aber ohne Schild, ausgestreckt war. Eine entfernte Ähnlichkeit zeigt eine offenbar von
einem Abhänge heruntergestürzte Jünglingsgestalt in der Ecke des Sarkophages Ludovisi (Taf. Via)
und in der Mitte der linken Schmalseite des bakchischen Sarkophages in Cortona, dessen per-
gamenischen Charakter Habich (Amazonengruppe S. 85, Nr. 1) richtig erkannt hat.

Aus allen diesen Umbildungen und Analogien ergibt sich so viel mit Wahrscheinlichkeit,
daß der athenische Torso ähnlich mit dem Kopfe nach dem Zuschauer lag, wie der venetianische
Jüngling, nur waren seine Reine in entgegengesetzter Diagonale, nach rechts, gerichtet. Auch er
stand mit keiner Figur oder Gruppe in organischem Zusammenhang, diente vielmehr ebenfalls
zur Ausfüllung einer Lücke unter einem Pferde oder zwischen einzelnen Kämpfern.

30 a) Männlicher Torso, vor kurzem aus der Sammlung Alba in Madrid in die Glyptothek
Jacobsen's in Ny-Carlsberg bei Kopenhagen übergangen. Katalog der Glyptothek (1898) n. 48;
illustrierter Katalog (1907) Taf. XIV, 193. Arndt-Amelung, Einzelverkauf n. 1799/1800. Darnach
hier Fig. 73 a, b, nur habe ich die Aufstellung des Torsos berichtigt. Mir fehlt leider die Auto-
psie. Nach Arndts Notizen, die aber, wie er selbst gesteht, einer Nachprüfung bedürfen, ist der
Torso 0'74 hoch, aus pentelischem Marmor. »Am r. Knie vorn großer Ansatzrest. Rechter Kopf-
nicker stark gespannt, der Kopf gieng nach der 1. Schulter. Haarzotteln unter Armen und auf
der Rrust. Dicker Silensbauch«. Nach Ansätzen der Unterschenkel, die besonders an der Rück-
seite erhalten sind, zu urteilen — war der gestürzte Flüchtling mit dem rechten Rein am Roden
knieend, das linke biegend dargestellt. Um sich gegen einen von links bedrohenden Verfolger
zu wehren, drehte er seinen vorgeneigten Oberkörper zurück und deckte sich mit erhobenen
r. Arm, während der linke abwärts gieng. Leider ist es nicht möglich zu entscheiden, wen wir
vor uns haben. Das Vorhandensein der Achsel- und Rrusthaare, der »dicke« Rauch würden für
einen Giganten sprechen. Aber ein älterer Gallier oder Perser ist nicht ausgeschlossen, besonders
da die Photographie (Fig. 73 a) keine Rrusthaare und nur einen durch die Riegung herausgepress-
ten Rauch zeigt. Auch ein fliehender Grieche ist denkbar. — Jacobsen möchte in dem Torso
einen Restandteil des attalischen Weihgeschenkes erkennen. Arndt riet auf einen Giganten, der
mit der bekannten Gruppe des Konservatorenpalastes (Heibig n. 618) und einem Torso in Karls-
ruhe (Reinach, Repert. II 26, 1) zu einer und derselben Komposition gehörte. Das ist aber nicht
möglich, weil er offenbar keine Schlangenbeine hatte wie jene. Für attalische Gigantomachie er-
schien er Arndt zu gross, übrigens aus anderem Marmor verfertigt. Dieses letzte Redenken halte ich
für nichtig; auch der Rrustvvarzenabstand 0"20 m (auf der Photographie nachmessbar) entspricht
dem athenischen Torso. Was mir die Jacobsen'sche Vermutung unwahrscheinlich macht, ist
der Umstand, daß der Kopenhagener Torso sich von dem Neapler Giganten stilistisch unter-
scheidet. Die Körperformen haben einen durchaus anderen Ausdruck; bei dem letzteren der aus-
geprägte Realismus in harter, trockener Ausführung, bei dem ersten eine weiche, ideale Auffassung
des Körpers, meisterhaft wiedergegeben. So ist es möglich, daß unser Torso nichts mit dem
attalischen Anathem zu tun hat, sondern in stilistischer Beziehung mit der ehemaligen Giusti-
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