Springer, Anton
Kunsthistorische Bilderbogen: für den Gebrauch bei akademischen und öffentlichen Vorlesungen, sowie beim Unterricht in der Geschichte und Geschmackslehre an Gymnasien, Real- und höheren Töchterschulen zusammengestellt (Suppl. 1, Textbuch): Die Kunst des Neunzehnten Jahrhunderts — Leipzig, 1884 (2., verm. Aufl.)

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ERSTER ABSCHNITT: 1750—1819.
1. Die Anfänge der klassischen Richtung im 18. Jahrhundert.
Das frische Blut, welches die Renaissancebildung im fünfzehn-
ten und sechzehnten Jahrhundert der Kunst zugeführt hatte, war
allmählich wieder erstarrt und eingetrocknet. Namentlich lockerten
sich wieder die Beziehungen zur Antike, einsl so fruchtbar und
vielumfassend, seit dem siebzehnten Jahrhundert aber immer äußer-
licher und oberflächlicher. Wie schlecht die Antike in dieser Zeit
verstanden wurde, zeigen am deutlichsten die Stiche nach klassischen
Sculpturen. Bis zur Unkenntlichkeit erscheinen dieselben in Maßen
und in Linien verzeichnet. Da brachten die Ausgrabungen in
Herculanum und Pompeji neues Leben in die Kunst und weckten
wieder die Begeisterung sür die Antike. Nirgends stärker als in
Frankreich. Wie französische Antiquare sich mit besonderem Eifer
aus die Beschreibung und Erklärung der vorgefundenen Alterthümer
warfen, so haben auch französische Künstler und Kunsthandwerker
sich zuerst und am erfolgreichsten den antiken Kunstformen wieder
zugewendet. Der Umstand, daß Werke der Malerei und der Klein-
kunst zahlreicher als jemals an das Tageslicht kamen und das
größte Interesse erregten, erleichterte die Verwerthung der antiken
Formen. Die nach immer neuen Mustern lüsterne Mode fand für
die Welt der Geräthe eine unerschöpfliche Fülle von Anregungen
und gab dem Schmucke der Innenräume antikisirende Formen.
Die Proben klassischer Malerei slehten sich der bisher herrschenden
Richtung nicht so schrofs entgegen, wie die Schöpsungen der anti-
ken Plastik. Es ließen sich die malerischen Formen der klassischen
Kunst verwenden, ohne daß man nöthig hatte, mit der Ueberliefe-
rung vollständig zu brechen. Man glaubte wenigstens an eine Ver-
sormung beider Elemente und gab sich der Ueberzeugung hin, die
neuen Errungenschaften mit dem alten Erbe bequem vereinigen zu
können. Aber der halbe Weg der Reform ist ein schlechter Weg
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