Boehlau, Johannes
Aus ionischen und italischen Nekropolen: Ausgrabungen und Untersuchungen zur Geschichte der nachmykenischen griechischen Kunst — Leipzig, 1898

Page: 153
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1 cm
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Vierter Abschnitt. Grabstelen und Inschriften. 153

Platten schwankt zwischen 7 und 10,5 cm, ganz ungewöhnlich dick ist die des Timonax
mit 22 cm. Die Platten der Stelen Tafel I. 2 — 4 sind oben durch einen Kundstab ab-
geschlossen. Die Voluten setzen nicht auf diesen auf, sondern sind durch einen kleinen
Zwischenraum von ihm getrennt; ihr Fufs ist in der Linie der Stelenseite vertikal ab-
geschnitten, eine bis jetzt einzig dastehende Lösung, da die im Original erhaltenen und von
Lekythen bekannten attischen Krönungen den Fufs stets rundlich schliefsen, wie es auch die
Pikelluravasen an den Henkelpalmetten und überhaupt die ganze griechische Ornamentik zu
thun pflegt. Die einzige Analogie bieten die Endigungen der Voluten, die die Spiegel tragen
Tafel XV. 5. Es wäre interessant zu wissen, ob auch die Krönung Tafel I. 1 mit ihren
in freier Silhouette ausgeführten Blättern diesen etwas harten Abschlufs aufwies, der bei
den übrigen wohl der Geschlossenheit des Konturs zu Liebe gewählt ist. In die Augen
der Voluten sind mehrblättrige Rosetten mit spitzen Zwischenblättern eingesetzt. Der
Palmettenfächer setzt an einen ziemlich steilen Bogen an, die Füllung des Zwickels
zwischen Bogen und Voluten, sowie des Zwickels unter den Voluten gab den samischen
Künstlern erwünschte Gelegenheit, ihre Lust an zierlichen Details zu bethätigen. Unten
schmiegt sich eine weit offene Lotosblume mit ihren Kelchblättern den Voluten an, wäh-
rend ihr drittes Blatt, mit glücklicher Wiederholung die Mittelaxe noch einmal betonend,
in den Zwickel hineinragt. Den oberen Zwickel füllt eine volle Palmette, deren knospen-
förmiger Boden durch einen feinen Stengel zwischen den nicht ganz sich berührenden
Volutenrücken hindurch mit der Lotosblume unten zusammenhängt. Für Tafel I. 1 hat
der Künstler mit gutem Bedacht eine andere Füllung gewählt, die umschriebene Palmette,
da die durch die starke Aushöhlung und freien Endigungen der Blätter leichtere Haupt-
palmette eine luftigere, losere Vermittelung verlangte. Die Voluten sind bei allen Stelen
tief ausgeholt, die Blätter des Palmettenfächers sind abwechselnd vertieft und leicht ge-
wölbt, wodurch ein reicher Wechsel von Licht und Schatten hervorgebracht ist. Zwischen
die kolbenförmigen Blattenden sind kleine raumfüllende Spitzen eingefügt, das ganze um-
schliefst der Kontur des Grundes in knapper Linie. Das Aufserste an Zierlichkeit — er
verdiente den Beinamen des KaTorrrjEiTexvoc — hat der Meister der Palmette Tafel I. 1
geleistet. Er arbeitet den Grund um die Palmette weg, so dafs Blätter und Spitzen frei
endigen. Um der Silhouette Leben zu geben, führt er die Spitzen zwischen den Blättern
weiter hinaus und verlängert zufolge dessen das Mittelblatt, um aber dieses Heraustreten
zu motivieren, macht er sie zu selbständigen Gliedern der Art, dafs sie mit ihrer haar-
scharfen oberen Rippe bis zum Ansätze an den Palmettenbogen zwischen den Fächer-
blättern verlaufen. Das Geschick hat, wie es so oft bei dieser Ausgrabung uns in wich-
tigen Momenten im Stiche liefs, uns leider die untere Hälfte dieser interessanten Krönung
vorenthalten. Die Krönungen sind Meister- und Musterstücke archaischer Skulptur, in denen
sich das ganze Wesen jener Periode der Kunst so treu und klar ausspricht, wie nur in
einer der Koren der Burg oder einem der delphischen Reliefs. Welche kostbaren Kleinode

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