Braun, Joseph
Das christliche Altargerät in seinem Sein und in seiner Entwicklung — München, 1932

Seite: 652
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652 VASA NON SACRA. DRITTER ABSCHNITT. DER LITURG. FÄCHER

redet, (43) so ist zu bemerken, daß zu Rom noch im 8. und 9. Jahrhundert ein liturgischer
P'ächer nicht zur Verwendung kam, wie aus den römischen Ordines jener Zeit zur Genüge
hervorgeht. Moschus hat östlichen Brauch auf Rom übertragen. Daß einige irische Minia-
turen im dem dem 7. Jahrhundert entstammenden Book of Keils im Trinity College zu
Dublin, auf denen Engel mit einem fächerartigen Scheibenstab dargestellt sind, in keiner
Weise dartun, daß zur Zeit ihrer Entstehung im Westen ein liturgischer Fächer in Gebrauch
war, liegt auf der Hand. Stände es fest, daß es bereits im 7. Jahrhundert im, Westen einen
solchen gegeben habe, dann könnte man vielleicht in dem Fächer in der Hand der Engel
auf jenen Miniaturen eine Nachbildung dieses liturgischen Fächers sehen, umgekehrt aber
aus jenen Fächern schließen, daß zu ihrer Entstehungszeit bereits liturgische Fächer im
Gebrauch waren, geht nicht an. (44)

Am frühesten erwähnt den Fächer im Westen das Inventar von Centula aus
dem Jabre 831. Nach Rom kamen 860 unter Papst Nikolaus als Gaben des
Kaisers Michael außer einem Kelch, einer Patene und Paramenten von großer
Kostbarkeit auch zwei griechische Rhipidien, die im Papstbuch beschrieben
werden als repides duae in typum pavonum cum scutum et diversis lapidibus
pretiosi, iacinthis, albis, (45) zu Rom aber, wo der liturgische Fächer damals
nicht in Gebrauch war, keine liturgische Verwendung gefunden haben werden.
Es ist auch das erste und für lange Zeit das einzige Mal, daß wir in Rom einem
liturgischen Fächer begegnen. Denn in der Folge hören wir von einem solchen
dort erst wieder zu Ende des i3. Jahrhunderts. 867 verzeichnet das Testament
des Grafen Eberhard von Friaul unter dem liturgischen Gerät, das dieser sei-
nem Sohne Unroch vermacht, einen Fächer.

Es geschieht nur sehr selten, daß im Westen bis zum 11. Jahrhundert in den
schriftlichen Quellen ein liturgischer Fächer erwähnt wird; ein Zeichen, daß
die Verwendung eines solchen sich bis dahin noch keiner namhaften Verbrei-
tung erfreute. Dann wird die Sache jedoch anders. Seit dem frühen 11. Jahr-
hundert liegen zahlreiche Nachrichten über ihn vor, zumal auch in den Inven-
taren. Allgemein gebräuchlich wurde er jedoch auch dann keineswegs. Ins-
besondere scheint in Deutschland seine Benutzung nur wenig Boden gefunden
zu haben. Denn in den dem späteren Mittelalter entstammenden Inventaren
deutscher Kirchen werden liturgische Fächer nie aufgeführt. Ihre Hauptver-
breitung erhielten diese in Frankreich, wie ihre häufige Erwähnung in den von
dort stammenden mittelalterlichen Quellen bekundet. Vorgeschrieben werden
Fächer in einem Statut von Maguelonne von i33i : Tenetur habere... moscal-
los de plumis pavonum in altari beati Petri. (46) Mit dem ausgehenden Mittel-
alter verschwand der liturgische Fächer bald ganz von der Bildfläche. Es ist
nur ein ganz vereinzelter Fall, wenn wir einen solchen nochiÖ73 im Inventar der
Ste-Chapelle zu Paris (47) antreffen. Es war wohl ein älteres Stück, das nicht

(43) C. 150 (Mg. «7, 3016): Tiv Swxovov -rov x«£vövra -cä ^ntCSwv.

(44) Unverständlich ist, wie man das achtteilige auf einer Handhabe sitzende sternartige
Gebilde, das der Evangelist Matthäus auf einer Miniatur der Thomasbibel in der Stadt-
bibliothek zu Trier (8. Jahrh.) zusammen mit einem Messer in den Händen hält, als litur-
gischen Fächer hat deuten können. So wenig das Messer in der Hand des Evangelisten ein
liturgisches Messer darstellt, da es ein solches im Westen nie gegeben hat, so wenig gibt
der Stern einen liturgischen Fächer wit:di.T. Su'i'ii v.r.d Mi^d' --.'inä Symjuli:. .iunor der vyü
dem Evangelisten berichteten Menschwerdung des Herrn, dieser seines Opfertodes. Abb.
bei J. O. WESTWOOD, Facsimiles of the miniatures of anglo-saxon and irish Mss. (London
1868) Tfl.20. (45) Dich., L. P. II, 154. (46) Ron. VI, 130. (47) Gav 627.
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