Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Kunftpolitik — Sammlungen

pnd als die Erhaltung von fünfhundert und mehr
Belanglofigkeiten, von denen das deutfehe Volk
auch früher (wie in der 3ukunft) nie einen Vorteil
gehabt hat. Ich würde diefem 3iel, lebendige
Kultur zu wecken und HIerke zu fchaffen, an
denen fiel) eine ganze Generation in ihrem
HIollen und Fühlen entzündet, felbft Rafaels
göttliche „Sixtina“ neben einigen falfcßen Rem-
brandts zum Opfer bringen und dazu fünf-
hundert andere Bilder aus deutfehen Mufeen,
die unferer 3ßit nichts mehr bedeuten, wenn
damit der Staat endlich die Mittel bekäme, der
tatendurftigen, beften deutfdjen Jugend eine
Brefche in den neuen Kampf der Geifter zu öffnen.
Hier aber dies verknöcherte Gefeß mit feinen
ach To lapidaren Paragraphen erfunden, ift wert,
gehängt zu werden. Denn dies war ein Börfen-
jobber oder ein Phiüfter, dem verftaubter Akten-
kram höchfte HIeisheit dünkt. Man hat das
deutfehe Sammelwefen gemordet. Ein deutfehes
Schildbürgerftück, das nur in diefer verfeßwom-
menen 3eit möglich war. G. B.
Köln
Für das Ordinariat der Kunftgefchichte an der
neuen Univerfität foll nach einer 3eitungsnotiz
der Hliener Kunfthiftoriker Profeffor Dvorak
auserfehen fein. Es gibt leider nicht viele, aber
doch einige Kunftgelehrte deutfeher Nationaliät,
die uns die Bemühungen um den tfchechifchen
Gelehrten erfparen würden. Hber diefer Stand-
punkt wäre natürlich nicht zwingend, wenn nicht
außerdem die ftärkften fachlichen Bedenken be-
fänden. Die fehr fpezielle, lebensfremde Schule
Dvoraks hierher zu verpßanzea, feßeint in keiner
HIeife den Bedürfniffen einer jungen,'werden-
den Lehranftalt zu entfprechen. Die Gniverfität
follte von der fog. neuen Ära doch foviel Notiz
nehmen, daß fie fo vorurteilslos wie möglich
und frei von der Beeinßuffung einiger weniger
kunftpolitifd) Intereffierter die Berufung eventuell
auch nicht zünftiger Gelehrter wenigftens in den
Kreis ihrer Erwägungen zöge.
Vor kurzem ift in der Stadtverordnetenver-
fammlung einftimmig befchloffen worden, den
Lübecker Mufeumsdirektor Profeffor Schäfer
nach Köln zu berufen. Er follte zunächft ein-
mal einen bis ins einzelne gehenden Plan für
eine andere Einteilung der Kölner Mufeums-
fcßäße ausarbeiten. Diefer Plan follte dann
auch dem demnächft noch zu wählenden neuen
Leiter des Hlallraf-Ricßarß-Mufeums und ebenfo
der Öffentlichkeit zur Begutachtung vorgelegt
werden. Die verfeßiedenen Kölner Schäße füllen
weit mehr als bisher der Pßege der Volksbildung
dienlich gemacht werden. Alfo zunächft foll ein

Plan ausgearbeitet werden, diefer dann einem
zweiten Mufeumsdirektor und aud) noch der
Öffentlichkeit zur Begutachtung vorgelegt werden,
eine unermeßliche Perfpektive.1 Diefes Satyr-
fpiel, das nunmehr feit dem Lode Fjagelftanges
und dem Hleggange Creuß’s andauert, hat Köln
die gefamte Möglichkeit von Neuerwerbungen
während des Krieges gekoftet. Die Fjoffnungs-
lofigkeit diefer klebrigen 3uftände wird nun durch
die Nachricht, daß Herr Schäfer doch Nürnberg
vorzieht, wieder bis zur totalen Sonnenßnfternis
verftärkt. Inzwifchen geht alles Gute ins Aus-
land und die Allgemeinheit hat das Nacßfeßen. —
Erfreulicher ift die Schenkung der Sammlung
Clemens, die zur 3eit aufgeftellt wird und
über die demnächft zu berichten ift. HI.
Sammlungen
Äus den Londoner Mufeen
Che best rooms for the best pictures! Nach
diefem Leitfaß follen die Beftände der National-
Gallery neu gehängt werden. Das Programm
bleibt aber vorläußg noch ein fchöner Vorfaß,
und die Gefahr, daß man fid) unbefonnen über-
eile, ift klein. Denn noch immer wird ein be-
trächtlicher Ceil der Ausftellungsfäle durch die
Bureaus des Munitionsminifteriums in Befchlag
genommen, und man hat fid) in den Gedanken
fchicken müffen, daß bis zur endgültigen Ent-
räumung wohl noch zwei Jahre verftreichen
werden. Der kürzlich wiedereröffnete Saal XX
gibt aber einen guten Begriff von dem, was er-
ftrebt wird. Sowohl die ftreng chronologifche
Gruppierung, wie die grundfäßlicße Scheidung
nach Schulen ift fallen gelaffen. Die Hlände
haben eine graue Befpannung bekommen. Das
beherrfdßende Bild des Saales ift das Paris-
urteil von Rubens. Daneben hängen der „Cha-
peau de paille“ und die Landfchaft bei Sonnen-
untergang des gleichen Meifters, fonft aber lauter
Gemälde von Holländern des 17. Jahrhunderts,
die in der National Gallery bekanntlich befonders
glanzvoll vertreten find. In dem auf der einen
Seite angrenzenden Raum XIX find niederländi-
fche Primitive und alte Deutfehe untergebracht,
während man nach der andern Seite hin, in
Saal XXI, Kunft des 19. Jahrhunderts ßndet.
Hier find u. a. einige Neuerwerbungen aufgeftellt
worden, zu denen zwei große Studien von
Manet zur Hinrichtung Maximilians (in der
Mannheimer Galerie) gehören, ferner drei Ge-

1 Änmerkung der Sd)riftleitung. ßierzu fei auf
den ausgezeichneten Äuffat) Meier-Graefes „Der Kölner
Mufeumsplan“ im Berl. Cagbl. vom 3. Januar verwiefen.

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