Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Der Bildhauer Herbert Garbe
Mit 10 Abbildungen Von GEORG BIERMANN

Brauchte es noch eines Beweifes, um den Ciefftand weftlicßer Kulturgefinnung um
die Elende des 20. Jahrhunderts deutlich zu machen, dann genügte ein Blick auf
die Bildhauerei diefer 3eit. Es mag beinahe allzubillig fein, auf den Denkmäler-
wald zu verweifen, der nicht nur bei uns, fondern auch anderswo üppig emporwuchs,
auf jene trüben Machwerke eines üblen Fjeroenkultes, die das Lieblingskind ftaatlicher
und ßößfeßer Kunftpflege waren, um zu ermeffen, wie [ehr unfer Sinnen und Erachten
ausschließlich faft in der vergänglichen (Heit der Erfcheinungen wurzelte, wie [ehr die
leßte Generation die Ehrfurcht vor dem Geifte verlernt hatte. (Henn irgendein Gebiet
der Kunft den rafeßen und konfequent fict) fteigernden Prozeß des 3erfalls veranfeßau-
lichen kann, dann die Gefcßicßte der Plaftik vom Ende der Gotik bis auf die Gegenwart.
Än dem Lage, wo die Scheu vor dem Göttlichen verebbte, um der Fjerrfcßaft des
Verftandes Plaß zu machen, wurde wie von felbft auch der formende (Hille des Bildners
auf die Natur zurückgedrängt. Das gemeinfame Band, das einmal die drei Scßwefter-
künfte von Architektur, Plaftik und Malerei in Einheit verbunden, ward gelöft. Die
Sonderexiftenz der einzelnen Kunftgattung begann und eine jede fueßte auf ihre GCIeife
dem Dienft vor den Menfcßen gerecht zu werden. Ein leßtes Äuflodern mittelalterlicher
Verbundenheit, ein faft extatifeßer Proteft gegen die ausf<±)ließliche Bejahung diesfeitiger
Dinge noch im Barock, dann ift der Abftieg von der Fjöße befiegelt. In Cßorwaldfens
frifiertem „Cßriftus“ und dem 3uckerbäckerwerk der Danneckerfchen „Ariadne“ etwa —
um zwei (Herke zu nennen, die nicht einmal fo fchlimm find wie das meifte, was fonft
noch in der gleichen 3^ttfpanne entftand — erkennen wir mit grauenvollfter Deutlich-
keit den unerhörten Äbftand deffen, was einmal war, von dem, was noch kommen follte.
Ift es angefichts der ßiftorifeßen Belege aus drei Jahrhunderten etwa nicht gerecht-
fertigt zu behaupten, daß die abendländifcße Kultur in diefer Epoche eine Bildßauer-
kunft überhaupt nicht mehr befeffen hat! Ift es zuviel gefagt, wenn man feftftellt, daß
felbft folcße (Herke, die nach äußerer Form und teeßnifeßer Vollendung vielleicht Lob
verdienen, mit Kunft nichts, rein gar nichts zu tun haben! Daß der „klaffifcße“ Menfcß
niemals Schöpfer im ßöcßften Sinne fein konnte, weil er erdgebunden, nur der Fjerr-
feßaft des Verftandes untertan gewefen ift. Daß der Rationalismus der (Todfeind aller
Kunft genannt werden darf, fofern wir mit Recht unter „Kunft“ eine reine Angelegen-
heit des Geiftes bezeichnen. (Hürden felbft die (Herke der Vergangenheit, auf die es
in diefem 3ufammenßang allein ankommt, nämlich die (Hunder Indiens und Ägyptens,
nießt Beweiskraft genug befißen, dann müßte uns der primitivfte Bildner unter den
Südfeeinfulanern überzeugen, daß Kunft allein den Aufftieg des Menfcßen zu Gott be-
deutet. Daß oßne kosmifeße Ergriffenheit vor dem Antliß des Hnerforfcßlicßen ein
Künftler in feinem (Berk niemals jenen äußerften Punkt erklimmt, wo diefes felbft zum
zeitenlofen Symbol auswäcßft. Allzulange ift der Künftler den (Heg des Diesfeitigen
gegangen, von der finnlicßen Erfcßeinung der (Heit allein gefpeift worden. Allzu
fklavifcß folgte er nur den Lehren der Natur, um die innere Exiftenz des Seelifcßen
vollends zu vergeffen. Nach Leffings Cerminologie und (Hinkelmanns Eßeoretik feßien
der (Heg zur Hmkeßr für den Bildhauer des 19. Jahrhunderts auf immer verrammelt
und es braucht kaum noch gefagt zu werden, daß die Akademien ißrerfeits den
völligen Bankrott vollendeten.

Der Cicerone, XII. Jal)rg., ßeft 20

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