Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

Page: 738
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1920/0782
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Klie lange diefer 3uftand nod) gedauert ßaben könnte, wenn nicßt endlich) von außen
ßer die gewaltfame 3ertrümmerung eingefeßt ßätte, dies auszudenken, fcßaudert jeßt
die Pßantafie, [o wenig den meiften unter uns vorßer der Jammer unferer geijtigen
Verfaffung zum Bewußtfein gekommen fein mag. Fjeute beginnen wir feßend zu
werden. Eine neue Seßnfucßt durcßbebt die Kielt. Völker, geftern nocß in finnlofem
Kampf ineinander verbiffen, ftrecken ficß, Verfößnung fucßend, die Fjände entgegen.
Klieder will der Geift die Materie überwinden und urcßriftlicße Selbftverftändlicßkeiten,
in neue Form geprägt, fucßen leßte Gemeinfamkeiten des Geiftes. Der Künftler aber,
wieder entzündet vom ßeiligen Feuer, ift der Klegweifer, Inkarnation alles Ringens um
ferne 3iele, ßorcßer in die 3^it ßinein und ißrer eigentlicßen Klefenßeit, die ßinter den
Gefcßeßniffen des Cages nocß ßalb verborgen rußt. Der Prozeß einer ungeßeueren Um-
wertung aller vierte ßat begonnen. Der totgeglaubte Often ift wieder auferftanden
und übergießt mit roter Morgenfonne die grauen Gefilde der zufammengebrocßenen
abendländifcßen Kielt. Vermeffen, ßeute fcßon zu fagen, zu welcßen äußerften Fernen
diefe Revolution der Geifter einft ßinfüßren wird. Feft fteßt nur die üatfacße, daß wir
uns erft am Anfang einer Bewegung befinden, die diesmal vor den Grenzen von
Ländern und Erdteilen felbft nicßt zum Stillftand kommt. Der Klille nacß Erneuerung
ift allen Geiftigen gemeinfam, zutiefft ift er aber im Künftler verankert, der fein Klerk
zum Gleicßnis formen möcßte, das eruptiv von innen ßeraus, fymbolßaft erfaßt, Leßtes
veranfcßaulicßen foll.
Kler die neue Plaftik diefer 3^it verfteßen will, muß zuerft daran denken, daß fie
jede Verbindung nacß rückwärts jäß durcßbrocßen ßat. Selbft der Impreffionismus eines
Rodin erfcßeint uns ßeute nur als Epifode, von der aus keinerlei Bezießung zu dem
Klerk unferer Jungen befteßt. Dagegen ift Arcßipenkos Scßaffen, gleicßnisßaft in die
3eit geftellt, das gigantifcße Klerk eines wirkließen Klegbereiters, fo weit entfernt es
aueß nocß von kosmifeßer Erfüllung fein mag. Aber dennoeß verfueßt gerade fein
„Kubismus“ äußerfte Loslöfung von aller materiellen Gebundenßeit, ßöcßfte Steigerung
im rein Metapßyfifcßen dureß Befreiung von jedwedem dreidimenfionalen Scßauen.
Seltfam und bedeutfam zugleicß, daß äßnlicß wie Cßagall der Maler aueß der Plaftiker
Arcßipenko ein Ruffe ift, der im Geifte einer zukünftigen Syntßefe von Often und
Kleften beifpielßaft vorangeßt. Leicßt zu verfteßen aueß, daß, zumal auf dem Gebiete
einer in ißren Mitteln fo dureßaus materiell bedingten Kunft, wie es die Plaftik ift,
zuerft rein teeßnifeß die Überwindung ftoffließer Begrenztßeit verfueßt wurde, ein Be-
müßen, das nocß lange nicßt an die Grenzen äußerfter Möglicßkeiten vorgeftoßen ift.
Aber daß überßaupt der Verfucß unternommen wird, aueß dem plaftifcßen Vermögen
als folcßem neue 3ielritf)tung zu geben, beweift, wie feßr der Künftler von ßeute die
Vergangenßeit überwunden ßat, oßne ißre Größe da, wo fie über die Grenze der 3eit
ßinauswucßs, zu verkennen. Der deutfeße Künftler, teilßaftig der in der Raffe feit
Jaßrßunderten aufgefpeießerten und nocß immer latenten Energie, Rückwärtiges, das zur
Anbetung ruft, nicßt nur liebend zu umfangen, fondern mit einem Blutftrom feiner
Seelenßaftigkeit zu dureßtränken, um es täglicß aufs neue zu erleben und in den Strudel
eigenen Seins einzubetten als Mittel innerer Erßebung, ift ftärker in dem Banne feiner
Überlieferung befangen als jene Neufcßöpfer aus dem Often, die unbelafteter von üra-
dition dem Neuland küßn entgegenfeßreiten. Für den deutfeßen Bildßauer zumal, der
erft dureß Opfer ficß von jener letzten künftlerifcßen Kleltanfcßauung losgekauft, die
eigentlicß ja keine war und ficß dem jungen üag der Freißeit nun verbunden füßlt,
gibt es ein Beifpiel, einen Auftrieb feiner Kräfte, ein ßöcßftes Ideal für Formgefüßl und
immaterielle Scßönßeit in unbegrenzten Möglicßkeiten, die einmal beftand, als das Bild-

738
loading ...