Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Kunftpolitik

Im übrigen [oll das Königshaus gar keine bare
Entschädigung erhalten. Der Vergleich fieht
lediglich vor, daß die Übereignungen im Inter-
effe der Allgemeinheit als Leitungen für die
Allgemeinheit bei der Beteuerung bewertet
werden. Der Gedanke einer Anrechnung [olcher
vorwiegend kulturellen Leitungen bei der Be-
teuerung ift nicht neu. Er ift erft kürzlich wieder
in dem Erbfchaftsfteuergefefz vom 10. Sept. 19
zum Ausdruck gelangt, welches von dem [teuer-
baren Vermögen ausdrücklich ausnimmt „Gegen-
[tände, die gefchichtlichen oder kunftgefchicht-
iichen oder wijfenfchaftlichen Wert haben ....,
[ofern [ie nach näherer behördlicher Anweifung
den 3wecken der Forfcßung und Volksbildung
nutzbar gemacht werden“.
Die Notwendigkeit, folche Leitungen auf
die Steuer anzurechnen, wird übrigens noch
öfter eintreten. Der Stifter des Folkwang-
Mufeums in Fragen z. B. hat bekanntermaßen
auf diefe und andere gemeinnützige Gründungen
den größten Ceil feines Vermögens verwandt.
Wenn er die Vermögensabgabe zahlen foll, fo
muß er den Inhalt des Mufeums verkaufen, oder
man muß ihm den Wert des Mufeums auf die
von ihm zu entrichtende Steuer zur Anrechnung
bringen. Das zweite ift ohne Bedenken das
richtige. Der Staat würde fonft kulturelle Werte
vernichten, die er anderswo wieder fchaffen muß.
Genau fo liegen die Verhältniffe beim Königs-
haus. Es muß entweder an die Veräußerung
feines Kunftbefifzes gehen, um die Steuern zahlen
zu können, oder es muß einen Geil [einerSteuer
in Grundftücken und Kunftwerken leiften, die es
dem Staat übereignet. Bei dem äußerft geringen
Wert, mit dem die abzugebenden Gegenftände
in Anrechnung kommen, wird auch der Finanz-
techniker die zweite Möglichkeit bei weitem
vorziehen.
Vergegenwärtigen wir uns, daß allein die
preußifchen Eifenbaßnen wöchentlich etwa
100 Millionen Mark 3ufchuß erfordern. Gm den-
felben Preis haben wir es in der Fjand, Er-
eigniffe zu verhüten, die fchon an fiel), noch
mehr aber in ihrer demoralißerenden Auswirkung
eine Kataftrophe für unfer kulturelles Leben be-
deuten würden.
Die Privatdozenten
Von einem akademifchen Lehrer
Die niederfchmetternde Lroftloßgkeit der 3U-
kunftsausfidjten der Privatdozenten trifft auch
eine große Anzahl der kunftgefchichtlichen Lehrer,
fo daß es berechtigt erfcheinen darf, hier ein
Wort dazu zu fagen. Das märtyrerhafte Sich-
durchfchlagenkönnen mit einem fchwer nebenher

verdienten Einkommen — oft fehr erniedrigen-
der Art — von 2—3000 Mark ift angefichts der
jetzigen Neuerung ein Onding geworden. Was
früher wahrlich fchon kein Eldorado, aber immer-
hin zu tragen und zu machen war, — ift nun
endgültig vorbei! Aus der Erkenntnis diefer
Lage heraus haben die Privatdozenten der Oni-
verfitäten und Fjochfchulen, um den Stand in
3ukunft nicht noch mehr wie feither zu [einem
Schaden zu einem ausfchließlichen Monopol
des Kapitalismus werden zu laffen, Forderungen
auch materieller Art erhoben. Sie find vom Mi-
nifterium für Kunft, COiffenfchaft und Volksbildung
im wefentlichen gebilligt worden. Neuerdings
wird aber von diefer Seite erklärt, daß trotz
aller Anerkennung der Berechtigung keine Äus-
fid)t auf irgendeine Erfüllung beftehe und mit
verzweifelter Deutlichkeit geraten, jede [ich nur
bietende Gelegenheit zur Ergreifung eines an-
deren Berufes anzunehmen. Damit ift der Stand
der Privatdozenten als folcher aufgegeben —
oder dem Kapitalismus — fo lange es den noch
gibt — reftlos preisgegeben.
Diefe ungeheure Kurzfichtigkeit, die nicht das
Kultusminifterium, [ondern die Regierung und
befonders das Finanzminifterium trifft, zeugt
von einer felbftmörderifchen Ohnmacht, die in
letzter Stunde noch befchworen werden muß.
Im Augenblicke, da [ich reaktionäre Kreife und
ihre Preffe dafür einfetzen, der Dynaftie, die
Deutfchland in namenlofes Elend und eine mehr
als hoffnungslofe Lage gebracht hat, Milliarden-
werte zur Belohnung für ihre unfeligen Laten
auszuwerfen — im gleichen Augenblicke ift man
bereit, kaltlächelnd einem Stande den Garaus
machen zu wollen, unter deffen Vertretern ein-
zelne hundertmal wertvoller, der Nation, ihrem
Beftande und Aufblühen nötiger find als die
ganze Dynaftie zufammen. Es kann alfo hier
keine groteske Gefte eines non possumus geben,
denn die Mittel find da, müffen aufgebracht
werden, weil gerade ein bedauerndes, ohnmäch-
tiges 3u9rundegehenlaffen diefes Standes, der
Märtyrer der Wiffenfchaft und ihr befter Saft,
einem nie wieder gut zu machenden, vom Aus-
lande mit höllifchem Wohlbehagen quittierten,
Selbftverftümmeln gleich käme! 5.
Das dänifdje Naturfdiu^gefe^
Naturfchufz bildet einen ünablösbaren Beftand-
teil der Kunftpolitik, da diefe neben der Auf-
gabe, die fchöpferifchen Kräfte zu wecken und
zu fördern, auch die Pflicht hat, die äfthetifchen
Werte zu erhalten und pflegen. Dem dienen
Natur- und Denkmalfchufz, aber kunftpolitifch ift
jener faft noch wichtiger als diefer. Denn die

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