Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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WR KülSTSAMMJUEß
Von 5a mmelwefen und Kwiftereigniffcn

Nürnberger 3 in n

Von ERWIN HINTZE
Mit 34 Abbildungen

(Fortfe^ung und Schluß aus F)eft 15.)
Die Generation [eit 1630. Rund mit dem Jahre 1630 beginnt für das Nürnberger
Reliefzinn ein neuer Äbfdjnitt, der um 1680 [einen Ab[d)luß findet. Es ift eine 3eit
der Nacßblüte, die einen namhaften 3uwad)s an kleineren Formen gebracht hat. Kläl)-
rend früher wenigftens ein Ceil der mit Reliefs verzierten Modelle von den 3inngießern
felbft ßergeftellt worden ift, [cßeint [eit 1630 die Anfertigung der Formen für Relief-
zinn ausfcßließlid) in den fänden Von berufsmäßigen Eifenfcßneidern gelegen zu haben.
Den Darftellungen aus der Mythologie, der alten Gefcßicßte und der Bibel treten zeit-
genöffifche Bilder zur Seite. Die deutfcßen Kaifer, die Kurfürften, Guftav Adolf und
[eine Anhänger, der Sultan und fremdländi[d)e Könige ziehen an uns vorüber. Nach-
dem der deutfche Kaifer mit [einen Kurfürften bisher nur in einer ganz allgemein ge-
haltenen Geftalt auf den Rändern von drei einander [ehr ähnlichen Auferftehungstellern
in die Erfcheinung getreten war, ließ Georg Scßmauß im Jahre 1630 einen Teller mit
den Reiterbildniffen Ferdinands II. und der elf kaiferlichen Vorfahren aus dem Fjaufe
Fjabsburg modellieren. Die Krönung Ferdinands III. im Jahre 1637 veranlaßte die ßer-
ftellung von nicht weniger denn neun Cellermodellen mit den Reiterbildniffen des
Kaifers in der Mitte und der fechs Kurfürften auf dem Rande. Den hier gefchaffenen
Eypus verwertete man gleichzeitig für einen Guftav Adolf- und einen Sultanteller (De-
miani E. 42). Ferdinand III. und Guftav Adolf erfcheinen außerdem in größeren, der
Sultan in kleineren Bruftbildern als Medaillons von Schalenböden.
Fjans Spat) II und Paulus Öham d. J. Die führenden Meifter der 3eit der Nach-
blüte find FJans Spat) II (1630—1670) und Paulus öham d. J. (1634—1671). Aus der
Klerkftatt des Fjans Spaß II konnten mit Sicherheit 18 verfdjiedene Schüffel- und
Eellermodelle für Reliefzinn nadjgewiefen werden. Dazu kommen mit größter 6Qaßr-
[cheinlichkeit noch einige hinzu, die wir vorläufig nur durch Abformungen feiner Söhne
3ad)arias und Hans Nicolaus Spaß kennen. Unter den 18 Formen befinden ß<±) einige,
die Spaß aus anderen Klerkftätten übernommen hat: das Schälchen mit dem Krieger-
kopf und Initialen I S CD, das Alexanderfcßälchen, einer der drei Auferftehungsteller
mit dem thronenden Kaifer und den ihre Klappenfchilde haltenden Kurfürften auf dem
Rande, das Doppeladlerfd)älchen von Cafpar Enderlein, der Noahteller von 1619, die
[d)on bei Steffan Chriftan erwähnte Avaritiafchüffel mit dem Eriumphzug der Liebe
und endlich der Sultanteller des Andreas Dambacl). Unter den eigenen Modellen des
Hans Spaß wiederholen mehrere Schüffeln die von Hans 3aßer gepßegte Verbindung
von Rankenbordüren in Flachrelief und fdjmalen Ornamentftäben in Hochrelief (De-
miani E. 42 Nr. 2). Sein Modell für den Krönungsteller von 1637 ließ Spaß von dem
Eifenfcßneider G. F>- ftecßen. Eine ungewöhnlich fcharf durchgearbeitete Form befaß
der Meifter für einen Auferfteßungsteller mit Engeln, die Leidensattribute halten (Abb. 21).
Für Schalen mit glattem, eingewölbtem Rande legte er [ich als Mittelftück eine Marien-

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