Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Sammlung en

liegt es, daß ein paar Kunftwerke ihren Befißer
wechfeln — [ie gehen der Kielt dadurch nicßt ver-
loren — wohl aber daran, daß die Kurift nicht als
ein führender, die Fjydra des Materialismus be-
zwingender Faktor gewertet, fondern — von wel-
cher Seite immer — in deren Dienft geftellt wird.
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Sammlungen
(Uiener Galerieverljältniffe
Die eben in Vollendung begriffene Neuauftei-
lung in der Gemäldegalerie der Äkademie der
bildenden Künfte erbringt den Beweis, daß
auch unter den fchwierigften äußeren und inneren
ümftänden durch Qualitätsgefühl, Mut und prak-
tifchen Verftand des Leiters auch in die ver-
altetfte Organifation neues zeitgemäßes Leben
gebracht werden kann, was gerade im (Uiener
Galeriewefen zu einer weiteren ömfdjau Anlaß
gibt. Die Äkademiegalerie verdankt ihren Be-
ftand größtenteils Leihgaben und Schenkungen,
vor allem der gräflich Lambergfchen Sammlung.
Mit dem vielen Guten ging dabei freilich ein
Kluft von übermalten, verreftaurierten und minder-
wertigen Bildern und Kopien mit. Da urfprüng-
lich — wohl aus Ächtung vor den Spendern —
möglichft viel davon untergebracht werden follte,
entftand bei befchränktem Raume ein Über- und
Durcheinander, das noch dazu durch die auf
Fjängung und Beleuchtung des einzelnen Klerkes
foviel wie keine Rückficht nehmende Äufftellung,
allen modernen Anforderungen Fjohn fprad). Der
ümftand, daß fich der Mut des gegenwärtigen
Leiters (Dr. Eigenberger)1, der die qualitative
Auswahl einer gemachten Fülle vorzog, über
diefe 3uftände hinwegfetjen konnte, zeigt, daß
es wohl nur der gewohnte konfervative Schlen-
drian war, der die ömwandlung einer Rumpel-
kammer in eine Galerie bisher verhinderte. Frei-
lich verfügt die Galerie nur über eine jährliche
Dotation von 6000 Kronen, die unter den heu-
tigen Verhältniffen kaum für Dienerfdjaft und
Reinigung ausreicht. Um fo mehr ift es perfön-
licher Catkraft zu verdanken, wenn die die Do-
tation um ein vielfaches überfteigenden Koften
der Neuaufteilung aufgebracht wurden ohne den
Staat zu belaßen. Klenn jetjt durch neue fchräg-
wandige gegen den Fenftergang (früher um-
gekehrt!) geöffnete Abteilungen das einzelne
Klerk auf ruhiger Fläche zur vollen Geltung
kommt, fo ftaunt man erft über den Reichtum
an Qualitäten, die früher in oft bis zum Fuß-
boden reichendem Durcheinander oder in dunklen
Ecken verfchwanden. Vieles, wie die pracht-
1 tlnter beratender Ceilnabme des Direktors der Staats-
galerie.

volle Serie der Guardi, die niederländifchen
Blumenftücke und Landfchaften, gewann über-
haupt erft jetß Exiftenzwert. Auch die höchft
gelungenen Reftaurierungen einzelner Stücke —
wie z. B. die Entdeckung eines intereffanten
ferrarefifchen Cemperabildes nach Befeitigung
der durchgängigen Ölübermalung (früher „flo-
rentinifch 16. Jahrh-“) fowie die Heranziehung
von unbeachteten Depotftücken verftärkte die
Lebendigkeit des gegenwärtigen Gefamteindrucks.
Befonders glücklich für die jeljige individuelle
Klirkung der Gemälde war der Gedanke, die
eintönigen Goldrahmen durch alte Originalrahmen
zu erfe^en. Bisher ift die Neuaufteilung der
romanifchen und niederländifchen Schulen fertig
durchgeführt, ein Saal nordifcher Primitiver wird
demnächft eröffnet. In dem Seitengang follen
— den geringen Raumverhältniffen entfpre-
chend — Kabinettftücke, Entwürfe und 3eich~
nungen untergebracht werden. Augenblicklich
ift diefer Gang der Bibliothek der Äkademie
leihweife zu einer wenig ergötzlichen Vorführung
von Graphiken und Aquarellen der Kliener Aka-
demiker des 19. Jahrhunderts überlaßen, bei der
von einer Erfaffung der Grundfät$e der Galerie-
leitung freilich kaum die Rede fein kann. In
diefem Kontraft zeigt fich über um fo mehr die
3ielbewußtheit der letzteren und deren Erfaßen
der befonderen Aufgabe der Galerie. Denn diefe
hätte gegenüber den in erfter Linie hßtorifch
gerichteten Sammlungen des kunfthiftorifchen
(Fjof-)Mufeums von Anfang an auf die Vor-
führung von Qualitätswerken gerichtet fein müßen,
fofern fie den Äkademiefchülern Vorbilder bieten
follte. Eine lebendige Erneuerung in diefem
Sinne, die auch über diefen 3w^ck hinaus dem
modernen äfthetifchen 3eitbedürfnis entfpricht,
mußte demnach die übliche hßtorifche Ordnung
in zweite Linie ftellen. Dementfprechend wurde
auch bei der Neuaufteilung die Trennung nach
Schulen nur als ganz allgemeine Richtlinie bei-
behalten. Aus demfelben erzietjerifchen Grunde
wird auch das Sammeln von internationaler
Plaftik geplant, foweit fie neben den Bildern in
Qualitätsftücken vorgeführt werden kann. Dafür
kämen vielleicht Stücke aus der Eftenfifchen
Sammlung in Betracht, die bisher kaum jemand
zu Geficht bekommen hat- Doch fcheitern folche
Pläne, wie überhaupt die Regelung der Kom-
petenzfragen der einzelnen Sammlungen an den
noch immer ungeklärten Befijzrechten, mit deren
Klärung die Reparationskommißion hinzieht. Die
Scheidung zwifchen privatem Fjofbefifz, hofärari-
fchem Befifz und Staatsbefilj wurde zwar bereits
im Jahre 1867 einer Prüfung unterzogen, fcheint
aber jeßt nach der Übernahme derFjoffammlungen

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