Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Kunftpolitik

Gewifferomanißierende Anklänge find dod) durch-
aus frei zu einem Neuen verarbeitet und gerade
der FJauptbau zeigt bis zur Kuppel hinauf eine
Steigerung des architektonifchen Gefühls, das
ficher nicht alltäglich ift. Die Löfung der Ge-
famtanlage ift fo, daß jede Stadt mit diefem
Klerk Ehre einlegen würde. Es ift 3eugung vom
Geift diefer |3eit und der Fernerftehende wird
nur fchwer verftehen, wiefo es überhaupt mög-
lich war, diefem Entwurf in vorletzter Inftanz
eine brave Durchfchnittsarbeit vorzuziehen.
Biermann.
Ärt Centre Incorporated
Man berichtet aus New York: Endlich ift der
lang erfehnte Plan einer „Kunftzentrale“ für New
York zur Klirklichkeit geworden. Eine Gefell-
fdjaft hat fich gegründet, die für die verfchie-
denen künftlerifchen Vereinigungen der Stadt
ein gemeinfames Fjeim mit Äusftellungs- und
Verkaufsräumen fowie Vortragsfälen errichten
wird. Huf diefe Kleife foll dem amerikanifchen
Kunftgewerbe, das immer noch recht ftark unter
allgemeiner Vernachläffigung, vor allem feitens
der Induftriellen, zu leiden hat, das Intereffe
weiter Kreife gewonnen werden, und die Gründer
hoffen damit auch mehr als bisher Kunft unter
das Volk zu tragen, denn die Bewegung foll,
wenn fie fich durchfejzt, nicht auf New York be-
fchränkt bleiben. Das Programm, das den Füh-
rern vorfchwebt, wird von dem Mr. KI. Frank
Pardy, dem Vorfilzenden der Hrt Älliance of
Hmerica, wie folgt ausgedrückt: „Diefe Bewegung
für ein befferes Kunftgewerbe wird fich nicht
auf New York allein befchränken. Ift fie einmal
im Gange, fo werden in allen gewerbetreibenden
Städten des Landes folche Kunftzentren erftehen.
Hmerika hat bisher an der Spitze der induftriellen
Ärbeit geftanden, nun muß es, um fich zu er-
halten, auch an die Spitze der kunftgewerblichen
Hrbeit treten und Führer der Kielt darin werden.“
Sicherlich ein ambitiöfer Plan. Ob fich diefe
Bewegung mit der nach internationalem 3U~
fammenfehluß des Kunftgewerbes, von der ich
das lefztemal melden konnte, verbinden wird,
bleibt abzuwarten. Vielleicht fpürt man in der
letzteren den Spalthuf der Konkurrenz, gegen
den fich jetzt jeder und alles in diefem Lande
zur (Hehr zu fetzen fucht, als ob auf diefe Kleife
das Fjeil einer „befferen Kielt“ zu erreichen fei,
die man uns dod) fo feierlich verfprochen hat! F.
Ein Kunftftreit in Düffeldorf
Schärfer als anderswo planen feit Jahren
in der rheinifchen Kunftmetropole die Gegen-
fäfze der künftlerifchen Richtungen aufeinander.
Gegenüber der alles beherrfdjenden Stellung

der Äkademie und der von ihr protegierten
konfervativen Gruppe der allzuvielen und meift
talentlofen Künftler haben die Jungen einen be-
fonders fdjweren Stand. Die Ätmofphäre ift
bei der ünduldfamkeit von rechts längft ver-
giftet und wäre Alfred Flechtheim nicht, der
allein für frifche Bewegung forgt, man müßte
mit Recht bezweifeln, daß Düffeldorf künftlerifd)
überhaupt noch eine Miffion für die Moderne
zu erfüllen habe. — Jüngere radikale Künftler,
an deren Spitze der talentvolle Otto Pankok
fteht, haben fich hier kürzlich zu einer befon-
deren Gruppe „Das Ey“ zufammengefchloffen.
Diefe erbat für Vortragszwecke die Überlaffung
des Vortragsfaales der Akademie, der fonft für
künftlerifche 3wecke gern zur Verfügung ge-
feilt, den Radikalen aber prompt verweigert
wurde. Nachdem ein Proteft an den preußifchen
Kultusminifter (der, wie leider immer mehr zu-
tage tritt, am liebften in den bequemen Kläf-
fern akademifcher und fonftiger Überlieferungen
fegelt, anftatt geiftiger Erneuerung den Kleg zu
weifen) ebenfalls refultatlos geblieben, veran-
ftaltete die Ey-Gruppe in einem engen über-
füllten Saale zugleich als Proteft gegen eine
von der Akademie arrangierte „antiexpreffioni-
ftifche“ Vorlefung ihrerfeits einen Vortrag, bei
dem der Maler Gert Klollheim als Redner die
Vorgänge auseinanderfejzte, den Direktor Roeber
öffentlich „einen Lumpen an der Kunft“ und
feinen Affiftenten Dr. Klapheck „einen Dieb an
der Kliffenfchaft“ nannte, Ausdrücke, die 5err
Klollheim dem Direktor Roeber am nächften
Cage noch ausdrücklich brieflich beftätigte. Die
unausbleibliche Folge dürfte nunmehr ein Be-
leidigungsprozeß fein, der zwar keinerlei erfreu-
liche Catfachen zeitigen, aber vielleicht doch
fein gut Keil zur Reinigung jener unerträglich
gewordenen Ätmofphäre im Düffeldorfer Kunft-
leben beitragen wird.
Dies die eigentlichen Vorgänge, über die ein
Auf falz der 3edfchrift „Das Ey“ unter dem
Eitel „Minifter, Akademie, neue Kunft und Pu-
blikum“ berichtet. So bedauerlich die Situation
an fich auch fein mag, ift fie doch bezeichnend
für die 3uftände unferes offiziellen Kunftbetriebes.
In Berlin begab fich kürzlich eine Affäre, bei
der der talentvolle Bildhauer Belling von
Akademiedienern fchwer mißhandelt wurde,
weil er es gewagt hatte, an der unmöglichen
Aufteilung feiner Klerke bei einer Preisausftel-
lung der Akademie berechtigte Kritik zu üben.
Überall wächft der 3orn der Jungen gegen die
bevorrechtete Stellung des zum Sterben faulen
akademifchen Betriebes, der leider immer mehr
zur Fjochburg der Reaktion und reiner Cliquen-

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