Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die 3ßit und der Markt

Kun ft politik
Kun ft pflege in Stuttgart
Der Verein für Kunft, der in Stuttgart im
vorigen fjerbft gegründet wurde, bat feine erfte
Cüintertätigkeit nunmebr abgefcbloffen. In der
kurzen 3^it feines Beftehens bat er das frfjwä-
bifcbe Kunftleben, das lange 3eit ftille ftand, neu
belebt und ftark befruchtet. Die größeren Ver-
anftaltungen dienten vor allem der Pflege der
Kunft auf religiöfer Grundlage. Es fpracben
öüicbert über die neue Kunftbewegung, Pflei-
de r e r über Grünewald, Fjartlaub über Fort-
fcbritt und Entwicklung in der bildenden Kunft,
Brinckmann über Rom in der Barockzeit,
Redslob über die künftlerifcben Entfaltungs-
möglichkeiten Stuttgarts, Uleizfäcker über Raf-
fael und die heutige 3eit, Lübbecke über Spät-
ägyptifcbe Kunft, Fjaufenftein über Daumier.
Für die Hebung des Stuttgarter Kunftlebens noch
wichtiger waren die regelmäßigen 3ufammen-
künfte mit kleineren Vorträgen und Diskuffionen
bauptfäcblicb über künftlerifcße Fragen der Gegen-
wart. Fjier fprachen z. B. Graf über die Pro-
bleme des Kubismus, Fjaufenftein über die
gegenwärtige Lage der Kunft, Fränkel über
die pfycbologifcben Elemente der heutigen Kunft,
Filfer über das Dionyfifche und Apollinifche,
Bruft über das mufikäftbetifcbe Problem. In
diefen etwa vierzehntägigen Diskuffionsabenden
leiftete der Verein feine fruchtbarfte Arbeit.
Äußerdem veranftaltete er im November eine
Husftellung aus fcßwäbifchem Privat-
befiß, die hervorragende CCIerke von Renoir,
Cezanne, Piffarro, Seurat, Liebermann, Slevogt,
Fjofer, Caspar, Pellegrini, Deckel, Pechftein zu-
tage förderte, und verteilte als erfte Jahres-
gabe drei Blätter von Landenberger, Naegele
und Älbert Müller. Ein Konzert von Emma
Lübbecke-Job und Paul IJindemith führte in die
bisher in Stuttgart nicht zu Gehör gebrachte
neuefte Mufik ein. Die Mitgliederzahl des Ver-
eins wächft beftändig; die größeren Veranftal-
tungen, die im Kuppelfaal des Kunftgebäudes
ftattfanden, erfreuten [ich eines regelmäßigen
Befucßes von etwa 500 Perfonen, einer nicht
geringen 3ahh in Anbetracht der Catfache, daß
der Verein fein Publikum fid) erft heranziehen
mußte.
Für den Sommer find neben Vorträgen be-
fonders Führungen und zum 3 wecke der Löfung
dringlicher Fragen Veranlagungen von CQett-
bewerben vorgefehen. Das nächfte dinter-
programm feljt die Vortrags- und Konzerttätig-

keit gefteigert fort. Eine Denkfdmft über die
Leitungen und 3iele des Vereins, dem heute
in ttlürttemberg ein großer Ceil der öffentlichen
Kunftpflege obliegt, befindet fich in Vorbereitung.
Sammlungen
Die ftaatlidjen Erwerbungen von
Kunftwerken in Frankreich)
im Jafjre 1918
Es ift bedauerlich, daß der Raummangel ver-
bietet, das Verzeichnis derjenigen üierke zu
veröffentlichen, die der franzöfifctje Staat im
Jahre 1918 erworben hat und die das ministere
de l’instruction publique et des beaux-arts am
1. Januar 1920 im Journal offiziell aufgereiht hat.
Manche unferer Landsleute, die immer noch
über die Rückftändigkeit unferer Mufeumsleiter
klagen, werden vielleicht anders über die deutfche
Kunftpolitik denken, wenn fie einmal Gelegenheit
hätten, an der Jahresbilanz der franzöfifchen Mu-
feumsankäufe die reichsdeutfche Förderung der
modernen Kunft zu meffen. Namen wie Derain,
Matiffe, Picaffo, Severini, Vlaminck kommen in
der franzöfifchen Lifte, die 145 Ölgemälde, Aqua-
relle und Paftelle, 44 Skulpturen und 14 Blätter der
Schwarz-öüeißkunft aufzählt, nicht vor. Obwohl
im Jahre 1918 in Paris viele Bilder von Signac,
Sisley, Monet u. a. verfteigert und im offenen
Fjandel zu haben waren, hat die ftaatlictje An-
kaufskommiffion doch nur den Mut gefunden,
ein Bildnis von Renoir zu erwerben, weil diefer
Künftler durch den Cod gewiffermaßen fanktio-
niert worden ift. üm die Kühnheit diefer ftaat-
lichen Erwerbung wieder auszugleichen, find
gleichzeitig drei Bilder von Renouard erworben.
Drei Bilder von Denis Jollen beweifen, daß der
Staat mit der 3^it geht. Sonft find noch her-
vorzuheben zwei 3eicFmungen von Peske, eine
3eid)nung von Drefa, ein Bild von d’Espagnat
und ein Stilleben von Dora Dannenberg. Die
übrigen Künftlernamen, die die Lifte aufzählt,
gehören dem Durchfchnitt der beiden Frühjahrs-
falons an, die bezeichnend für den franzöfifchen
Kitfch find. 3wei Drittel der Neuerwerbungen
find obendrein Kriegszfenen. Diefe Ankäufe
ftellen dem franzöfifchen Staat ein befchämendes
3eugnis aus. 0. G.
Die Stiftung Ottilie Roederftein aus
dem 3üridoer Kunftljaus
Ihrer Vaterftadt 3ürich hat die in Fjofheim
im Caunus lebende bekannte Malerin Ottilie
Roederftein eine Sammlung meift franzöfifcher

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