Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von LUDWIG BEIL / Mit 13 Abbildungen

Max Burcharß

er fid) ereifert, für eine Sache der Kultur, der Kunft, ißrer Disziplinen oder


Entartungen, tut nichts für fie, er fteße wo er fteße, wenn er fiel) nid)t aud)

* v für fie zu opfern vermag. Denn nur, wer fiel) opfert, glaubt. Der Glaube des
guten Bürgers jedod) ift Sad)e des Disputs, nid)t der Idee. Sein Eifern gegen die
moderne Kunft wäre berechtigt, wenn diefer zwifeßen guten Möbeln wohltemperiert
herangezüchtete Nicßt-meßr-Menfcßentyp es wagte, feine lediglich mauer- und zaun-
umgrenzte Kielt einmal preiszugeben für die alte Kunft, die er vertritt, fid) für fie ein-
zufefeen mit Leib und Nerven. Nur das fei von ihm verlangt. Klir verlangen noch
nicht einmal feine Seele: er hat keine. Aber indem er vergißt, daß nur die Idee letjten
Endes fid) als real für die einzig erlebenswerte höhere geiftige Kielt erweift, zieht er
das Cäglicße dem Unendlichen vor, den Lag dem Gedanken. Er ftirbt an beidem: am
üäglicßen, das ihn fd)ließlid) doch nur zerbricht, am Unendlichen, das ihn verneint, ßin-
unterknirfd)t. Denn das Unendliche ift göttlich, alfo zum Geifte nie brutal; das Käglicße
aber ift gemein und tötet den, der fid) ihm ergibt, mit gemeinen Klaffen.
Über dem Fjaupte des Bürgers weg aber ziehen das Alte wie das Junge an einer
Kette, die fie fid) gegenfeitig zu entreißen fueßen. Je gewaltiger die erfte Bedingung
eines Dramas, die 3ek, in das Menfd)engefd)led)t einbrach, je heißer wird der Kampf
geführt, um fo zäher fpannen fid) der Kette jäh überlaftete Glieder. Das Alter glaubt
durch Erfahrung meßr zu wiffen (und damit — irrtümlich! — aud) zu können!) als
der Jugend heilige Aßnung von höchsten Dingen ahnt. Diefe verwirft die Erfahrung als
geiftige Beweisform fowoßl wie das Erfahrene an fid) als ein auf ißm Fußbares: die
Jugend hat recht, hat es doppelt, wenn wie in Europens jüngft gefeßauter fcßamlofen
Vergangenheit der Flucß jugendbedrängender Generationen ficß rückwirkend auf fie
felber entlädt. Und wenn das nießt wäre: Erfahrung ift ja nur das, was wir erfahren
zu ßaben glauben. Der Augenblick, die Gegenwart wirken ficß intuitiv aus und wir
find, trofe allen Kreislaufs, den wir erkannt zu ßaben glauben, mit jeder Sekunde vor
ein fureßtbar Neues geftellt.
Nie ßat Kunft, oder beffer eine Richtung der Kunft dies beffer erkannt als die mo-
derne. Sie feßreit, ßeult, klüftet, fcßleudert, ift Vulkan und Schmerz, humorlos, oßne
Betracßtfamkeit, denn wir ßaben waßrlicß genug „betrachtet“. Sie ift einer aufwühlen-
den Krommel harter Laut, der zur Demut wie zu ißrem nur feßeinbaren Gegenfat}, zur
Kat ruft. Sie will weder ein Bürrgerglück bringen noch) es aucß nur bejahen. Sie ver-
feßmäßt es, „ßeimfcßmückend“ zu wirken, und gerade daß fie dazu völlig ungeeignet
wäre, bedeutet ißre ßerrlicßfte Propaganda; fie ift eine Kunft von fo elementarer Ver-
neinung alles herkömmlichen, daß fie fcßmerzt. Diefer Schmerz jedocß ift ßeilfam. Er
ift Feuer auf unfer Fjaupt, er läßt unfer herz im Fieber fcßlagen, das vordem nur lau-
licß und wunfeßgemäß im ordnungsliebenden Staatswefen fcßlug. Sie ift dazu beftimmt,
daß wir wieder lernen füllen die Arme emporflammen zu laffen. Nießt vage Seßn-
fueßt will fie fein, nießt meßr in füßen Farben flötet fie eßromatifeße Idylle zärtlicher
Balzrufe, fie will nießt meßr Erotik, fie will Liebe. Nießt meßr Sentiments des einen
zum andern, fondern Mit-fein. Daß die Seele leben könne, erfcßlägt fie den nur ana-
tomifeßen Leib, ftürmt, auf daß keiner meßr ftille fteße.
Ergriffenheit, Ekftafe, Feuer, Qual. Und von diefer ßat der einfam ftrömende Künftler
M ax Burcßart} fein enormes 3ie\.

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