Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Der neue Rembrandt

Von HARRY DAVID
Mit einer Abbildung

Diesmal Rändelt es fid) nicht um eine kunftßiftorifcße Entdeckung im üblichen Sinne.
Denn das Bild der beiden Pßilofopßen Demokrit und ßeraklit1 fteßt bereits im
Kataloge von Smith vom Jahre 1836 unter Nr. 156 als Rembrandt befcßrieben
und zwar im Befiß derfelben Familie (lieft in Aleote (England), die es bis zu Beginn
diefes Jahres befeffen hat. Auch Fjofftede de Groot hat es in feinem Verzeichnis der
Rembrandt-((Ierke aufgenommen (216b) und bis zum Jahre 1750 zurück verfolgt, wo
es in Ämfterdam als Rembrandt „3wei Pßilofopßen einen Erdglobus ftudierend“ für
100 fl. verfteigert wurde. Ulenn das Bild troß feines Namens und feiner 170jährigen
Gefd)id)te bei Chriftie nicht mehr wie £ 5800 aufbrachte, fo ift das der grauen Firnis-
fchicht zu danken, die das Bild als Originalarbeit Rembrandts zweifelhaft erfcheinen ließ.
Die Reinigung durch de ülildt im Haag zerftreute faft alle Bedenken und gab dem
Bilde den milden Goldglanz zurück, den eigentlich nur Rembrandt zu fchaffen wußte.
Die beherrfcßende Figur des Bildes, der Philofoph Demokrit trägt die 3üge des 1654
verdorbenen Bruders Rembrandts Adriaan. (denn das Bild, wie wir unten fehcn werden,
um 1660 anzufeßen ift, fo hat Rembrandt das Bild feines Bruders nach feiner Er-
innerung, nach Seicbnnnpen oder Porträts gemalt. Die Ähnlichkeit mit dem Berliner
Porträt mit dem Fjelm ift jedenfalls fcßlagend. Diefer Demokrit fteht in grauviolettem,
mit braunem Pelz verbrämten Mantel vor einem am Boden fteßenden Erdglobus, (näh-
rend feine Rechte lebhaft hinweifend auf diefem ruht, fpricßt er eindringlich zu dem
neben ihm ßßenden, trauernd über die „(Ileltkugel“ gebeugten ßjeraklit, der mit feiner
Linken in edler Gefte die Ausführungen Demokrits zu dämpfen fcßeint. Seine Rechte
führt den 3ipfel des rotbraunen Kopftuches an das tränende Auge in der Art, wie wir
es von Rembrandts „Saul“ im Fjaag kennen.
Der Globus erinnert an jene asketifcßen graugrünen „Vanitas“-Stilleben jener geit,
die mit Globus, Buch und Gotenkopf eine fchroffe Abkehr bildeten von jener Farben-
pracht und üppigen Lebensfreude, die fid) in den mit (dein, Früchten und Blumen über-
ladenen Bildern eines de F>eem und anderer fpiegelte. Diefer, dem barocken 3eitalter
fo eigentümliche Gegenfab liegt auch unferem Bilde zugrunde. Der „weinende und
lachende Philofoph“ waren fchon oft vor Rembrandt dargeftellt worden. Fjeraklit „wei-
nend“, weil Krieg und Elend nie von der Erde verfet)winden würden, denn der Streit
fei der Vater aller Dinge. Demokrit, der „Lachende“ dagegen bewahrt feine Heiterkeit
in der Erkenntnis, daß der Kampf um irdifeße Güter doch nicht glücklich mache. Pfycßo-
logifcß intereffant ift es nun, wie der damals vom (Inglück verfolgte Rembrandt fid)
in diefem Bilde mit voller Überzeugung zur optimiftifeßen ((Ieltanfcßauung bekennt.
1 Jeßt bei J. Goudftikker, Ämfterdam.

Der Cicerone, XII. Jal)rg., Ijeft 17

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