Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Ausheilungen — Von Künftlern und Gelehrten

lückenlofe Schau [einer ttlerke zeigt den Üüerde-
prozeß, den mancher Natureindruck von der
Skizze bis zum durd)gereiften grapßifcßen Blatte
durchläuft, und führt nach verfcßiedenen Stil-
wandlungen, die fid) mehr in dekorativer Hus-
wertung des Flächenhaften bewegen, zu den
CCIerken der lebten 3eit. Hier erfcheint Schaffer
als der vollkommen felbftändige, zielhafte Cha-
rakter, der fernab von dem Getriebe unferer
Lage feine Kunft übt, die Kunft, deren Paten
die alten Deutfchen und die Florentiner des
Quatrocento find. Die Bildniszeichnungen (und
vielleicht noch mehr die auf der Husftellung nicht
gezeigten gemalten Porträts) find vielverfpre-
chende Anfänge diefer feiner neuen Schaffens-
ära, die zeigt, daß man wohl auch mit dem
fteifen Nacken der Selbftändigkeit den umge-
kehrten (Heg als den heute üblichen gehen kann,
ohne dabei den Ruf der Fortfchrittlichkeit ein-
zubüßen. K. Sch.
Dü ffeldorf
Flechtheim zeigt gegenwärtig die erfte große
Husftellung des nachgelaffenen Güerkes von ££Iil-
helm Morgner. Der Eindruck diefes ekftatifchen
Ringens eines viel zu früh Verdorbenen ift außer-
ordentlich). Cüie fehr das rheinifcße Publikum
an diefer Veranftaltung Hnteil nimmt, beweift
die Catfache, daß bereits elf Bilder Morgners
in den Befitj erfter rheinifcher Sammler über-
gingen. Gleichzeitig mit diefer Husftellung zeigt
das graphifche Kabinett von Bergh & Co. eine
Huswahl Radierungen, Holzfchnitte Und Fjand-
zeichnungen Morgners.
Mannheim
Der „Freie Bund zur Einbürgerung der bilden-
den Kunft in Mannheim“ [teilt gegenwärtig in
den Räumen der Kunfthalle Hrbeiten der Hand-
werker- und Kunftgewerbefchule zu Effen aus.
Diefe unter der Leitung des Architekten Hlfred
Fifdjer ftehende Hnftalt tritt hier zum erften
Male in einer größeren Husftellung vor die Öffent-
lichkeit. In zehn Räumen werden Entwürfe,
Skizzen, fowie ausgeführte kunftgewerbliche
Gegenftände jeder Hrt vorgeführt, alle beherrfcht
von dem Streben, Formen zu finden, die unferer
aufgeregten 3eit gerecht werden. Die Husftel-
lung wird damit zu einem lehrreichen Beifpiel,
wie die Möglichkeiten expreffioniftifchen Ge-
ftaltens [ich kunftgewerblich auswerten laffen.
Münfter
Der Kunftfalon Koch eröffnete feine Räume
mit einer Husftellung des Düffeldorfer Malers
Ophey- Ihr folgte zur 3^it eine Sonderfchau
von Rohlfs und Paula Moderfohn.

Berichtigung
In einem Bericht über die Husftellung der „Ver-
einigung für neue Kunft“ in Frankfurt a. M.
(Cicerone, Heft 12, Seite 479) werden kunftge-
werbliche Hrbeiten der Frau Hdda Campen-
donk als Hrbeiten ihres Gatten Heinrich Cam-
pendonk befprochen. Der Herrn Dr. F. Hoeber
unterlaufene Irrtum fei hiermit richtiggeftellt.
Von Künftlern und
Gelehrten
Max Kling er, Deutfchlands berühmter Bild-
hauer, Maler und Graphiker, ift am 4. Juli auf
feinem Sommerfitj bei Naumburg a. S. im Hlter
von 64 Jahren einer Herzlähmung erlegen. Schon
im lebten Jahr lag der Künftler an den Folgen
eines fchweren Schlaganfalls danieder, fo daß
damals bereits deutfche 3eitungen etwas vor-
eilig Nekrologe auf Klinger veröffentlichten. Nad)
feiner Genefung überrafd)te dann der Künftler
die (Uelt durch die Mitteilung feiner Verheiratung
mit einer jungen Leipzigerin. — Über Klinger
als Künftler ift an diefer Stelle nichts Cüefent-
liches mehr zu fagen. Er war eine der ftärkften
Begabungen als Graphiker mehr noch denn als
Bildhauer; aber fein ttlerk war epigonenhaft
und wurzelte tief im Boden einer kulturfeind-
lichen 3eit> deren Untergang wir fchaudernd
erlebten. Es war nicht tüegweifer in die 3u-
kunft, fondern Ausdruck der Gefinnung feiner
Epoche — graufame Dokumentation des Nieder-
gangs und im ganzen faft fymbolifd) für den
notwendigen 3ufammenbruch eines überfteigerten
Individualismus, der tief im materiellen Gefüge
der 3eit verankert war. Die neue Generation
hat keine Beziehung mehr zu dem Pfeudobarock
des „Beethoven“ und noch weniger zu der lite-
rarifd)en Manifeftation Klingerfcher Gemälde.
Sie fieht aber mit Verehrung auf die Hrbeiten
des jungen Klinger, der fid) in feinen erften
graphifchen 3yklen als eine Begabung nicht ge-
wöhnlicher Hrt erwies, der leider keine Erfüllung
befchieden gewefen ift. — Huguft Stöhr, Be-
gründer und langjähriger Leiter des fränkifchen
Luitpold-Mufeums in tüürzburg, ift dort im Hlter
von 51 Jahren Anfang Juni geftorben. Stöhr
war von Beruf Architekt, hatte aber früh fd)on
feine befondere Vorliebe der fränkifchen Heimat-
kunde zugewendet. Durch 3ufammenfaffen ver-
ftreuter Sammlungen und glücklicher Neuerwer-
bungen konnte er 1913 an den Aufbau des
ftädtifchen Mufeums gehen, das nad) Anordnung
und Inhalt heute eine der beften Provinzfamm-
lungen ift. Mit den beiden Hauptabteilungen

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