Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Entdeckungen und Funde

wird bei allen zünftigen Gelehrten einmütige
3uftimmung erfahren, dem aber die Frage
der Mufeen mehr bedeutet als eine Angelegen-
heit praktifcher Verwaltung, hätte gewünfcht,
daß jetzt der Augenblick genügt würde, um nach
modernen, rein künftlerifchen Prinzipien von
innen heraus einen Neuaufbau der Berliner
Sammlungen in die dege zu leiten, damit diefe
endlich als lebendiges Glied in den Rahmen eines
großzügigen Kulturprogramms einbezogen wer-
den, deffen Verwirklichung uns der Kultusminifter
der preußifchen Republik noch immer fchuldig
geblieben ift. — C h r i ft i a n Rauch, bisher
a. o. Profeffor an der öniverptät Gießen, ift
das dafelbft neu errichtete Ordinariat für mittlere
und neuere Kunftgefchichte übertragen worden.—
Dr. Erwin Redslob, der neue Reichskunftwart,
der bislang gleichzeitig Leiter der ftaatlichen
Kunftfammlungen dürttembergs war, hat fich
entfchloffen, von dem letztgenannten Poften zu-
rückzutreten, um feine Kräfte ausfchließlich jenem
Amt (mit der unmöglichen Amtsbezeichnung) zu
widmen, das — foll es mehr fein als äußere
Repräfentation — keine ^erfplitterung der Kräfte
geftattet. — Albert v. Keller ift im Alter von
76 Jahren Mitte Juli an einem Gehirnfchlag in
München geftorben. Ein Künftler von hohem
Gefchmack und feiner malerifcher Kultur ift mit
ihm dahingegangen. Schweizer von Geburt,
kam er zuerft als Student der Philofophie in
den fechziger Jahren nach München, wo feine
Liebe zur Kunft in der Nähe Artur v. Rambergs,
der fein Lehrer wurde, und fpäter im Böcklin-
Lenbachkreife ftärkfte Anregung fand. Keller
entwickelte fich neben Leibi und der Diezfchule
zu einem der feinften Koloriften der deutfchen
Malerei. 3umal die Bilder feiner Frühzeit, auf
denen er das kleine Format bevorzugt, find eben
fo delikat in der malerifchen Gefamthaltung wie
durchleuchtet von innerer Kultur. Er hatte das,
was derFranzofe „morceau de peinture“ nennt.
Seine fpäteren merke hielten fich — zumal bei
größeren Formaten — nicht mehr auf der alten
Fjöhe. Als er FJexenbilder uncj orientalifche
Szenen malte, wurde feine Kunft rein literarifch,
und erft feit etwa 1900 konnte man oftmals mit
Genugtuung feftftellen, daß Keller fich wieder
der früheren Fjöhe näherte. Nach dem Code
Fritz v- Cbdes war er lange Jahre hindurch Prä-
fident der Münchner Sezeffion, deren Gefchicke
er gemeinfam mit feinem Freunde FJugo v. Fjaber-
mann lenkte. Alles in allem ift auch Albert
v. Keller ein typifches deutfches Künftlerfchickfal
aus der 3^it jenes allzu rafchen Aufftiegs, mit
dem die geiftigen und künftlerifchen Kräfte unferes
Volkes nicht gleichen Schritt halten konnten.

ln einer 3eit mit höherem Niveau geboren, wäre
er vielleicht zu Größerem berufen gewefen. So
aber bleibt er bis zuletzt Schilderer feiner Gefell-
fchaft, verehrt von fchönen Frauen und eleganten
Kavalieren, die er für wert hielt, in der Kunft
verewigt zu werden. — dilhelm daeizoldt,
Kunftreferent im preußifchen Kultusminifterium,
der vorher ordentlicher Profeffor in Fjalle war,
ift zum Fjonorarprofeffor für Kunftgefchichte an
der Berliner öniverfität ernannt worden. Seine
Fjaupttätigkeit wird er aber auch fernerhin als
Vortragender Rat im Kultusminifterium ausüben.
Entdeckungen und Funde
Das unterirclifdße Heiligtum an
der Porta Maggiore in Rom
Ein neues und einzigartiges Erlebnis wird dem
Romfahrer der 3ukunft der Befuch jener unter-
irdifchen Bafilika an der Via Preneftina fein, die
am 23. April 1917 wenige hundert Schritt vor
der Porta Maggiore unter den Geleifen der
Schnellzüge Rom —Neapel durch einen 3ufall
entdeckt worden ift.
Fjier handelt es fich nicht um ein Denkmal,
das, verfchüttet, wieder aus den Crümmern aus-
gegraben wurde, fondern um ein Kultheiligtum,
das tief unter der Erde angelegt war und tief
unter der Erde zwei Jahrtaufende in einem ver-
hältnismäßig unberührten 3uftande erhalten ge-
blieben ift.
ünterirdifche Gänge, die noch heute verfchüttet
find, führten einft in diefen Cempel eines ge-
heimen Kultus, dir fteigen heute direkt durch
einen bequem angelegten Cunnel hinab, der in
einen kleinen Vorraum mündet. Diefer Vorraum
allein erhielt durch eine Öffnung der Decke direktes
Cageslicht; die Bafilika felbft muß künftlid) er-
leuchtet gewefen fein.
Die dreifchifßge, auf drei Pfeilerpaaren ruhende,
von Eonnengewölben überdeckte Bafilika ift alfo
tief in den Schoß der Erde eingemauert. Der
Mofaikboden, die glänzenden Stückarbeiten an
Pfeilern und Gewölben find meiftens vortrefflich
erhalten. Nur die Marmorbilder, die ßcherlich
nicht gefehlt haben werden, find in früheren
Jahrhunderten entwendet worden.
In der Apfis unter dem Altar wurden die Refte
eines Fjundes und eines Ferkels gefunden, die
in Griechenland der FJekate und anderen Gott-
heiten als Sühnopfer dargebracht wurden.
In feiner Anlage entfpricpt das merkwürdige
Denkmal eines geheimen Kultus dem Celefterion
von Samothrake, das ungefähr 260 v. Chr. gebaut
wurde. In den Notizie degli scavi (FJeft 1, 1918)

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