Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Mit 16 Abbildungen / Von WILHELM HAUSENSTEIN

Max U n o 1 d

Mit dem Ausladenden in der Kunft diefer 3eit hat feine Malerei und 3eicßnung
nichts zu tun. Nad) diefer Richtung kann feine 3ugel)örigkeit zu unferen Tagen
nicht gefucßt werden. Das öüefentliche wäre fo auch nicht berührt. Denn das Aus-
fcl)weifende der jüngeren Gefd)lecl)ter ift das letzte Geheimnis ißres Treibens nid)t. Es ift
nur Anzeichen. Von was? Ad) — daß fie es wüßten! Daß wir es wüßten! Alle Be-
mühungen, unferer Geßeimniffe, Gewalten, Verßängniffe bewußt zu werden, kreifen
nod) immer um den bloßen Verfucß, ein 3entrum zu ßnden; eine neue Mitte des
Lebens und aller, aller feiner Bewegung. In Stunden denkt man von Tagen und
Nächten diefer Epoche gering genug. In anderen denkt man hoch von ihren Abenden
und Morgen. Aber wie man auch denke — Gefühl einer maßlofen Anfpannung be-
hauptet fiel) immer wieder als das Letzte. Einer Spannung, die von der Frivolität bis
zur Verzweiflung, von blutigem Nachdruck bis zur Uleglofigkeit ßad)er Exzeffe trägt.
Dem menfd)lid)en Auge weift fold)e Not überall ihre Symptome: ob ße nun Brandmale
und ÜJunden find oder Schläge ins Luftige, Leere, die keine Spur hinter ßd) laßen.
Nimmt man endlich das GCIefentliche diefer 3eit zufammen, fo wird das Bild einer
fd)ier chiliaftifchen Verlorenheit und auch Bereitfchaft fichtbar. Ihre CUidmung gilt „dem
unbekannten Gott“. Vor taufend Jahren war die europäifeße Gefellfd)aft auf den
Untergang der Erde gefaßt. Otto der Dritte ftieg — fo hat ihn Rethel gemalt — ins
Grab Karls des Großen: ein junger Mann, halb rückfcßauend, halb nach dem Künftigen
begierig, ungewiß und überaus nervös; nicht bloß ßn de siede, fondern Ende eines
Jaßrtaufends. Ulas für eines Jaßrtaufends! Und wir: Ende zweier Jal)rtaufende —
welcher Jahrtaufende! Eine urfprüngliche und einfache Gewißheit wird begehrt. Ein
Ja oder ein Nein. Eine feßütjende Einfalt gegen den fürd)terlichften Komplex von
Überlieferungen, der je ein 3ßitalter diefes Planeten im machen und Träumen als Alp
befchwerte. Dies ift der Augenblick. Er ift der dauernde Vorabend. Ulann fängt
der neue Sonntag an?
Vor folcher einzigen Erwartung wird alles Gegenwärtige ähnlich- UJas diefer Maler
tut, ift eine Minute unferer Uhr. Daß er die Empßndung für dies 3eitalter generöfer
ftimmt als mancher andere, zeugt von Anfang an für ihn. Daß er die Not des Moments
in abfeitiger Stille zufammenpreßt, wo andere, Bedeutendere und Schwächere, in ex-
zentrifchen Kurven erbittert bald, bald leichtfertig, hier leidend, dort angreifend, dort
grimaßierend ausfahren: dies ift die befondere Ulendung feines Temperaments, feiner
Fjerkunft, feines 3uftands, feiner näheren ÜJelt.
Er ift ein ins innerfte Gewebe echter Süddeutfcßer. Ein Schwabe dazu; alfo einer
vom eigenfinnigften Ulachstum, das in deutfehen Rebgärten vorkommt, und — Gott
fei Dank — noch einer mit provinziellem und kleinbürgerlichem Einfchuß. Dem Spital-
verwalter ünold zu Memmingen wurde am 1. Oktober 1885 ein Sohn geboren. Die
Jugend wurde vom Memminger Mond befd)ienen, der im Sd)wäbifd)en fprichwörtlicl)
ift: denn er ift der fchönfte und aller anderen Ulelt von dort nur geliehen. Bornierte
Vorftellung fd)ier von fpukßaßer Gotik. Die Stadt — o wie ift fie fd)ön! Scßwäbifche
Reichsftadt, in deren örtlicher Selbftgefälligkeit vordem doch ein Fjaucß von weiter öüelt
angeßedelt wurde; in der fid)erlid) einmal auch feingeiftige Fjumaniften ein fubtiles
Tiefen getrieben haben; in der ein am großen Fjandel beteiligtes Bürgertum breit durch
gieblige Straßen und weite Räume feßritt; wo um Papft und Luther geftritten wurde;
wo noch das Rokoko ein köftlicßes Rathaus von großartigen Maßen aufgeftellt hat.

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