Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Der Maler Jofef Eberz

Von LEOP. ZAHN
Mit 12 Abbildungen

ir fprechen von einem 39jährigen, der aber fo [pät gereift ift, daß [ich [ein


eigentliches Schaffen bis jeßt auf den 3eitraum der leßten acht Jahre (1912—1919)

" v zufammendrängt. Die Ernte diefer acht Jahre überfcßauend, erftaunen, ja er-
fcßrecken wir faft vor der Fülle der U.lerke wie vor einem Exzeß der Fruchtbarkeit.
Vielleicht war der Crieb zu fchaffen oft allzu hemmungslos: unfchwer diefem und jenem
&Ierk die Schnelligkeit feiner Entftehung nachzurechnen. ÜJie billig aber der Rat, den
fchöpferifchen Drang auf eine geringere Anzahl von Werken zu konzentrieren, wie ver-
ftändnislos die tüarnung, nicht zu verfchwenden. Als ob es nicht zum Ureigenften diefer
Begabung gehörte, triebartig Blüte an Blüte zu feßen, ohne die Frucht ängftlid) zu bedenken.
Ulomit implicite gefagt ift, daß Eberz’ Naturell raffaelifd) und nicht michelangelesk
ift. Dies bannt tragifchen Konflikt, fauftifcßes Ringen, fchließt aber doch das Ethifche
künftlerifchen Schaffens: Verantwortung, Arbeit an [ich felbft, Drang nach Steigerung
des Klollens und Könnens, nicht aus.
Der Verfuch, den Verlauf der Entwicklung zu charakterißeren, [oll nicht umgangen
werden, wie [ehr ihn auch zeitliche Nähe und Verftreutheit der merke erfchweren.
Unter der Fjut ftreng katholifcher Eltern aufwachfend, erlebt der Knabe feine früheften,
ftärkften und — wie wir noch fehen werden — nachhaltigften Eindrücke auf religiöfem
Gebiete. Ulohl felbftverftändlich, daß die Myftik und Sinnlichkeit des katholifchen
Kultes mächtig zu den künftlerifchen Inftinkten des Fjeranwachfenden gefprochen haben.
Der Künftler felbft vermutet, daß der hinreißend fchöne, fpätromanifcße St. Georgsdom
feiner Vaterftadt Limburg, in dem franzöfifcße Form und deutfcßer Geift ßcß durcß-
dringen, irgendwie an der Prägung feines Formgefühles Anteil gehabt hat. Klarheit
über feine künftlerifche Beftimmung [teilt [ich erft ein, nachdem er bereits das Gymnafium
(Frankfurt a. M.) abfolviert hat. Es ift wohl eine richtige Erkenntnis, wenn Eberz der
Schönheit und Rhythmik alter Sprachen Einßuß auf feine Kunft zufcßreibt. Die Aka-
demiejahre (München, Düffeldorf, Karlsruhe) erfcheinen dem Rückblickenden nutzlos
vertan. Erft in Adolf ßölzel ßndet Eberz einen Lehrer, dem er ßcß mit dem ganzen
Entßußasmus der Jugend tßngeben kann. Eine andere Methode, eine andere Sprache,
ein anderer Geift als bei den alten Perücken der Akademie! „Farbe ift Fjöchftempfin-
dung.“ Schon diefer Spruch allein mußte wie ein 3auber auf den jungen Adepten
wirken. Dazu das freie Experimentieren mit der Farbe, zu dem der Lehrer anleitete.
Mit den rationalen 3wei“ und Dreiklängen fängt man an, um dann zu den immer
mehr irrationalen Farbenharmonien fortzufchreiten. Betonung der Bildgefeßlichkeit! Keine
Nachahmung der Natur oder der alten Meifter! Beglückt laufchend und lernend erkennt der
Schüler nicht die Gefahr, die in dem Cheorienreichtum diefes allzu fuggeftiven Lehrers ver-
borgen liegt. (Schwächere als Eberz find auch der ftarken Perfönlichkeit ßölzels erlegen.)
Freilich: cs wäre ein Unrecht, wollte man nur von der Gefahr fprechen, die diefer
ausgezeichnete Lehrer für feinen Schüler bedeutete. Ebenfofehr muß man betonen,
daß Fjölzel den Akademiefchüler von naturaliftifcßem Epigonentum befreite und ißn
fcßon durch Beifpiel feiner Kunft allein die 3ielrid)tung eigenen Schaffens angab.
Ulie [ehr vorerft Eberz in Abhängigkeit von Fjölzel geriet, beweifen Bilder von 1912.
Vor allem die „Anbetung“ (Frankfurter Privatbefiß), die wohl direkt auf ein Vorbild
Die tüiedergabe der hier abgebildeten Cöerke von Jofef Eberz erfolgt mit freundlicher Genehmi-
gung der Galerie Fjans Gollj, München.
Der Cicerone, XII. Jaljrg., ßeft 16 47 595
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