Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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des Lehrers — eine Änbetung der Könige — zurückgel)t. Ein Vergleich) der beiden
Bilder läßt erkennen, daß der Schüler die Abficßten des Lehrers nicht nur verftanden,
fondern auch) noch verftärkt und verdeutlicht hat.
[üie die Bienen fiel) eng um ihre Königin fdßließen, [o drängt fiel) hier alles um den
ideellen Mittelpunkt (die Madonna mit dem Kind), ohne auch nur einen Finger breit
3wifchenraum zu laffen. Starke Konturen (wie fie auch Holzel liebt) zerlegen die
Fläche in Kompartimente (ähnlich den Bleilötungen eines Glasfenfters).
Die Eypen, der feelifche Ausdruck und Stimmungsgehalt, vor allem aber das dunkle,
dumpfe Kolorit (Blau-Grün-Grau), aus dem einige Helligkeiten im gedämpften Gelb
aufleucl)ten, find unmittelbar von Holzel entlehnt.
Schon in Bildern von 1913 hat fiel) der Künftler von diefem Ausgangspunkt merklich
entfernt, dem er fiel) aber fpäter hie und da (z. B. in der Heidelberger Kreuzigung 1914)
wieder nähert — allerdings mit einer Freiheit, die er 1912 noch nicht befeffen hatte.
Ein Erlebnis hat die (relative) Befreiung befd)leunigt, wenn nicht herbeigeführt: die
Sonderbund-Ausftellung in Köln 1912 — wohl überhaupt eines der wid)tigften Ereig-
niffe für die Entwicklung der neuen Kunft in Deutfchland. Gleichzeitig find die
deutfehen Primitiven des Cüallraf-Richartj-Mufeums entwicklungsbeftimmend in den Ge-
fichtskreis von Eberz getreten.
[Denn wir im Hauptwerk von 1913 — in dem Herz Jefu-Bild für die Konviktkirche
in Ehingen — noch nicht die volle Auswirkung diefer neuen Eindrücke fehen, fo mag
das feinen Grund darin haben, daß [ich der junge Künftler dem kirchlichen Auftrag-
geber zuliebe zu einer gewiffen 3urückl)altung — oder fagen wir es geradeheraus —-
zu einer Anpaffung an einen doch noch konfervativen, konventionellen, dem Gefälligen
huldigenden Gefchmack verpflichtet gefühlt hat.
Die reliefmäßige, zweifd)icl)tige Kompofition ift allzu wohlberechnet, allzu klar auf-
gebaut. Pfeilerartige Begrenzung an den Seiten durch ruhige Geftalten, von denen
befonders die Heilige rechts in ihrer ftrengen Frontalftatuarik ihre bildard)itektonifd)e
Aufgabe glänzend erfüllt und durch ihrea feierlichen Ernft, durch ihre geheimnisvolle
Erftarrung phantafieerregend wirkt. Der Kreuzesftamm bildet genau das Mittellot,
rechts und links von ihm verteilen fiel) die Figuren im Gleichgewichtsfinne; die Ent-
ladung der rechten Bildfeite um eine Geftalt wird nicht als Gleichgewid)tsftörung
empfunden, hauptfäd)lid) wohl deshalb, weil die ftark h^fvorleuchtende weiß-gelbe
Maffe des Kopftuches der Knienden rechts ausgleichend eingreift. Der Kopf Chrifti,
von einer Nimbenfcheibe umgeben, deckt fiel) mit der Kreuzungsfläche des horizontalen
und vertikalen Balkens, ift alfo genau in die Mitte der Bildbreite gerückt. Neben dem
Kreuzesftamm (bereits auf der linken Bildhälfte) rankt fiel) in einer wunderfdßönen
Kurve der Körper des fid) neigenden Heilands empor: mit ihm korrefpondiert der vom
Lichtkegel des Herzen Jefu getroffene Heilige (rechts vom Mittellot), der, vom ftCIunder
überwältigt, zufammenfinkt mit einer Bewegung, deren feelifcher Reichtum den Haupt-
wert des Bildes ausmacht. Über dem Heiligen erhebt fid) ein von frommer Scheu er-
faßter Jüngling, der die Kurve des 3ufammenfinkenden aufnimmt und fie zu Cßriftus
zurückführt, auf diefe ÜJeife die beiden Hauptfiguren zu einer noch ftärkeren Einheit
zufammenfd)ließend. Links und red)ts von der Mittelgruppe entfprechen pd) zwei
kniende, von innigfter Ergriffenheit befeelte Frauen, deren kompofitionelle Aufgabe im
Dienfte einer akzentuierten Symmetrie ftel)t.
ünfd)wer wäre es, die Kompofition geometrifd) zu fchematifieren und auf diefe
Clleife noch finnfälliger darzutun, wie ein Künftler unferer 3eit, dem die Gabe vifio-

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